GM-Chefin im US-Kongress
Mary Barra will im Sumpf von Detroit aufräumen

Wegen des größten Skandals in der Geschichte der US-Autoindustrie hat der US-Kongress die Vorstandschefin von General Motors gegrillt. Mit einer Ankündigung schürt Mary Barra die Hoffnung auf Entschädigungen.
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San FranciscoFassungslosigkeit prägte die Stimmung - und die Stimmen - in Washington: „Warum in aller Welt hat ein Konzern wie GM ein Bauteil gekauft, das nicht einmal den eigenen Spezifikationen genügt hat?“ Der texanische Kongressabgeordnete Joe Barton brachte am Dienstag das Problem, das den Autoriesen General Motors aus Detroit bis ins Mark erschüttert, auf einen einfachen Nenner. Und der neuen Vorstandschefin Mary Barra fehlen schlicht die Worte.

„Das will ich genauso gerne wissen wie Sie“, war das einzige, was sie den Kongressabgeordneten entgegnen konnte. Diese hatten sie vorgeladen, um den größten Skandal in der Geschichte der US-Autoindustrie zu hinterfragen: Es geht um 2,6 Millionen zurückgerufene Fahrzeuge, 13 Tote, jahrelanges Verschleppen, Pannen und Vertuschungsversuche.

Ein fehlerhaftes Zündschloss bei mehreren GM-Modellen konnte sich selbsttätig während der Fahrt aus der An- und die Aus-Position bewegen. Der Motor und wichtige Systeme wie Servobremsen und Servolenkung werden dabei deaktiviert und, noch schlimmer, der Airbag. Das Problem soll im Prinzip bereits seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts bekannt gewesen sein. Geschehen war bis Anfang Februar, jedenfalls offiziell, nichts.

Barra ist erst seit gut drei Monaten im Amt, aber hinter der Gnade der späten Berufung kann sie sich nicht verstecken. Sie will es auch nicht. „Es kam ans Tageslicht, als ich an der Spitze stand, also bin ich auch dafür verantwortlich“, räumt sie unumwunden ein. Sie macht in Washington klar, dass sie nicht zu dem Netzwerk der alten Buddys gehört, die General Motors über Jahrzehnte systematisch heruntergewirtschaftet hatten. Die Tochter eines einfachen Fließbandarbeiters aus Flint in Michigan zerrt gnadenlos ans Tageslicht, was über Jahre sorgsam in den verschwiegen Top-Etagen der GM-Türme in Detroit unter Verschluss gehalten wurde.

Ein auf Opfer spezialisierter Anwalt soll GM beraten

Sie will das Ganze jetzt geklärt wissen und nicht irgendwann in den kommenden Jahren von der Katastrophe überrollt werden. Niemand kann ihr jetzt vorwerfen, etwas vertuscht oder verschleiert zu haben - das ist ihr einziges Ass, und sie spielt es aus.

Zahlreiche Familienmitglieder der Unfallopfer haben sich im Anhörungssaal versammelt. Still saßen sie in der hintersten Stuhlreihe, Bilder der Getöteten hinter sich aufgestellt. Barra kündigte an, der renommierte Anwalt Kenneth Feinberg, der nach den Attentaten in New York und Boston Opfer vertreten hatte, werde GM jetzt dabei beraten, wie die Familien der Opfer entschädigt werden können.

Auf Nachfrage räumte die GM-Chefin allerdings ein, dass bislang keine Entscheidung darüber gefallen ist, ob es finanzielle Entschädigungen für die Opfer geben könnte. In den großen Anwaltskanzleien der USA wird derzeit fieberhaft daran gearbeitet, ob der Bankrott des Autoriesen in 2009 eine Sammelklage gegen den Autokonzern verhindert oder nicht. Die tragischen Unfälle hatten sich zu Zeiten des „alten“ GM ereignet, der während der großen Finanzkrise Bankrott anmelden und vom Steuerzahler für Milliarden von Dollar vor dem Aus gerettet werden musste.

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