Greenpeace-Vorwurf
Versorger haben zu geringe Atom-Rücklagen

Wieder Ärger für Deutschlands Atomkonzerne: Greenpeace sieht die Rücklagen der Kernkraftwerksbetreiber nicht gesichert. 30 Milliarden Euro sollen in einen Staatsfonds. Und die Argumente der Naturschützer sind nicht ohne.
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Düsseldorf/FrankfurtIn der Atomindustrie sorgt der Termin seit Tagen für Unruhe: Heute Vormittag wird Greenpeace in Berlin zusammen mit dem Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) die Bundesregierung auffordern, die Rückstellungen der Atomkonzerne für Abriss und Entsorgung der Kernkraftwerke in einen Staatsfonds zu überführen.

Doch nicht die Forderung an sich ist besorgniserregend, sondern die Begründung: Greenpeace und das FÖS halten die zurückgelegten 30 Milliarden Euro nicht für insolvenzsicher. "Das Geld liegt nicht auf Sonderkonten, sondern ist in den Unternehmen investiert", sagte Thomas Breuer, der den Energiebereich bei Greenpeace leitet, dem Handelsblatt.

Wenn also ein Konzern pleitegehe, trage letztendlich der Steuerzahler die Last. Breuer arbeitete 15 Jahre bei der Deutschen Bank. Aus der Zeit kennt er die Konzerne, allen voran RWE und Eon, als sichere Gewinnmaschinen mit ihren abgeschriebenen Atomkraftwerken. Doch seit der Nuklearkatastrophe in Fukushima und der darauf folgenden Energiewende in Deutschland sind die Firmen fragile Kolosse, die zum Radikalumbau gezwungen werden.

Atom bietet keine sichere Rendite, wie die Wende der Bundesregierung von pro auf contra Kernenergie zeigte. Neue Atomkraftwerke können sie sich auch im Ausland nicht mehr leisten. Vor zwei Wochen stoppten RWE und Eon ihre Pläne, in Großbritannien 17 Milliarden Euro in den Bau neuer Atommeiler zu investieren.

Der Grund dafür ist keineswegs nur in der ökologischen Vernunft der Konzerne zu sehen. Zum einen, so versichern hochrangige Manager der Konzerne, haben die Ratingagenturen klar zu verstehen gegeben, dass im Falle weiterer nuklearer Risiken eine Abstufung der Kreditwürdigkeit droht.

Gerade für RWE, deren Einstufung Moody's und Standard & Poor's gerade überprüfen, hätte dies gravierende Auswirkungen. Denn viele Energiehändler dürfen mit B-Adressen - die nächste Stufe wäre bei RWE "Baa1" (Moody's) und "BBB+" (S&P) - keine Geschäfte machen. Die Handelssparte des Konzerns würde damit stark eingeschränkt.

Zum anderen waren Verhandlungen von RWE und Eon mit der britischen Regierung über einen garantierten Abnahmepreis für den Atomstrom gescheitert, heißt es in Konzernkreisen. Ohne einen Mindestpreis wäre der Bau neuer Reaktoren ein wirtschaftliches Risiko. Denn Strom wird in Großbritannien vermehrt aus Gas produziert - und das ist billig am Markt zu haben.

Gut möglich, dass sich die geplanten Atommeiler auch langfristig nicht gerechnet hätten. Offiziell kommentierten die Firmen dies nicht. Allerdings bestätigen Eingeweihte, dass auch die britische Regierung wisse, dass sich neue Atommeiler bei den sehr günstigen Strompreisen nicht rechnen.

Wolfgang Reuter
Wolfgang Reuter
Handelsblatt / Ressortleiter

Kommentare zu " Greenpeace-Vorwurf: Versorger haben zu geringe Atom-Rücklagen"

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  • OPS ist Paul Schoeps aus Brandenburg an der Havel.

    http://www.kerngedanken.de/about/ops/

    Er arbeitet als Diplom-Ingenieur bei einem Anlagenbauer für Kernkraftwerke (AREVA).

    Zitat OPS: "Der Grund warum ich unter einem Pseudonym schrieb ist nicht, um mich vor euch zu verstecken, sondern um mich vor Kollegen und Vorgesetzten zu verstecken. "

  • Volle Zustimmung, ebenfalls vom Dipl. Ing.Maschinenbau. PS: Es gibt noch viele Dächer zum Strom ernten, viele Glühlampen auszutauschen und viele Wärmerückgewinnungsanlagen zu bauen um Energie zu sparen und Kraftwerke aller Arten abzuschalten. Und für alle die es mir nich glauben, es gibt tausende Arten Energie zu speichern.

  • @tpfingst
    Also erstmal haben sie mein Zitat aus dem Zusammenhang gerissen. Meine Bemerkung bezog sich darauf, dass angeblich eh niemand mehr Kernkraftwerke bauen würde, weil sich diese finanziell nicht lohnen. Dann können wir doch den Bau legalisieren und sehen wer sich am Markt durchsetzt.

    Der Rest ihrer Argumente sind nur die üblichen Vorurteile:
    In jedem Windkraftwerk steckt etwa 1 Tonne radioaktiver Abfall (aus der Förderung der dafür nötigen Rohstoffe). Damit hat die Menge radioaktiver Abfälle für die Windenergie die der Kernenergie bereits übertroffen. Aber die Abfälle der Windenergie lagern in China unter freiem Himmel, die Abfälle der Kernenergie in Deutschland in dicken Stahlbehältern.
    Insofern sind sie blind und ignorant wenn sie glauben, Atommüll wäre der einzige, oder größte oder schlimmste giftige Abfall unserer Welt. Sie kreiren da ein Alleinstellungsmerkmal das keines ist. Die Nutzung erneuerbarer Energien gibt den nachfolgenden Generationen die qualitativ selbe Verantwortung auf, quantitativ sogar eine größere.

    Und etwas zum Thema "Nach mir die Sintflut".
    Durch die Kohleverfeuerung sterben laut WHO jedes Jahr 1,3 Millionen Menschen. Das sind über 200 mal so viele wie durch Tschernobyl insgesamt bis 2050 (laut WHO)- jedes Jahr! Nicht durch Unfälle, durch den normalen Betrieb.
    Dazu kommen die Folgen des Klimawandels.
    Wenn wir sämtliche Kohlekraft in der Welt durch Kernenergie und erneuerbare Energien ersetzt haben, DANN können erneuerbare Energien von mir aus die Kernenergie ersetzen.
    Und in den meisten Ländern dieser Welt geht man diesen Weg.
    Wir belasten unsere einzige Atmosphäre mit giftigen Gasen und Treibhausgasen.
    Wir belasten unsere wertvolle Biosphäre mit riesigen Mengen Gift und radioaktiven Abfällen.
    Wenn wir aber in der Lithossphäre, die ab einer Tiefe von 100 Metern steril ist, unseren Müll vergraben wollen- dann ist dies ein No-Go für die verursachende Technologie.
    Das ist die ultimative Heuchelei der AKW-Feinde.

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