Hartnäckiges Werben um Linde-Chef
Siemens steht ohne Führung da

In der Auseinandersetzung mit dem Aufsichtsrat gibt Siemens-Chef Klaus Kleinfeld den Kampf um seinen Posten auf: Er verlässt den Konzern spätestens im Herbst. Derweil wurde Gerhard Cromme zum neuen Aufsichtsratschef gewählt.

DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Deutschlands größter Technologiekonzern ist seit Mittwochabend ohne Führung. Nach der mit großer Spannung erwarteten Sitzung des Aufsichtsrats erklärte der amtierende Vorstandsvorsitzende Klaus Kleinfeld, er stehe für eine Verlängerung seines zum 1. Oktober auslaufenden Vertrags nicht mehr zur Verfügung. Damit ermöglicht er dem von Korruptionsaffären gebeutelten Konzern einen vollständigen Neuanfang in der Führung. Kleinfelds Nachfolge ist allerdings noch nicht geklärt.

Der scheidende Siemens-Chef begründete seinen Rückzug mit den Diskussionen über seine Vertragsverlängerung. „In diesen Zeiten braucht das Unternehmen Klarheit für seine Führung. Daher habe ich mich entschlossen, für die Verlängerung meines Vertrags nicht mehr zur Verfügung zu stehen“, erklärte Kleinfeld. Siemens habe große wirtschaftliche Erfolge vorzuweisen und befinde sich inmitten tief greifender Korruptionsermittlungen. „Das Unternehmen muss uneingeschränkt handlungsfähig bleiben“, fügte er hinzu. Die Siemens-Aktie drehte nach der Mitteilung am späten Nachmittag ins Minus und verlor gut ein Prozent.

Aktionärsvertreter bedauerten den Rückzug von Kleinfeld. „Wir wissen nicht alles, was die Aufsichtsräte wissen, aber das ist schon zu bedauern. Bei Siemens muss Ruhe einkehren, und das, befürchte ich, wird jetzt nicht passieren“, sagte Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger am Mittwochabend in München. Angesichts der Entwicklung in den vergangenen Tagen sei Kleinfelds Schritt aber nachvollziehbar. „Man muss sehen, dass maßgebliche Teile des Aufsichtsrates ihn nicht unterstützen, damit wird seine Tätigkeit schwierig.“

Der Aufsichtsrat wählte am Mittwoch unterdessen einstimmig Gerhard Cromme zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden von Siemens. Er folgt Heinrich von Pierer nach, der am vergangenen Donnerstag seinen Rücktritt erklärt hatte. Damit hatte die seit Monaten schwelende Krise des Konzerns ihren ersten Höhepunkt erreicht.

Kleinfeld hat bis zuletzt um seinen Posten gekämpft. Doch für die notwendige Zweidrittelmehrheit im Aufsichtsrat – 14 der 20 Stimmen – fehlte ihm offenbar die Unterstützung. Mächtige Vertreter der Kapitalseite hatten in den vergangenen Tagen deutlich gemacht, dass sie kein Interesse an einer Vertragsverlängerung Kleinfelds hatten. Kleinfeld reagierte: Noch während der Sitzung, zu deren Beginn er fehlte, ließ er erklären, er stehe für eine Verlängerung seines Vertrags nicht mehr zur Verfügung. Auf eine Debatte oder gar Abstimmung verzichtete das Kontrollgremium daher dem Vernehmen nach.

Der neue Aufsichtsratschef Gerhard Cromme steht jetzt unter erheblichem Druck. Er, einer der führenden Köpfe für saubere Unternehmenskultur in Deutschland, plädiert nach den Bestechungsskandalen der vergangenen Monate für einen personellen Neuanfang. Im Aufsichtsrat stützt er sich vor allem auf Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Als beider Favorit für eine Nachfolge Kleinfelds ist unverändert der Chef der Linde AG, Wolfgang Reitzle, im Gespräch. Er hatte sich dem Angebot, neuer Siemens-Chef zu werden, zunächst aber verweigert.

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