Indischer Tycoon setzt auf Landwirtschaft
„Der Aufbau aus dem Nichts ist unsere Kernkompetenz“

Der Chef des größten indischen Privatkonzerns Reliance Industries, Mukesh Ambani, will bis 2010 in seinem Heimatland gut fünf Milliarden Dollar in die Landwirtschaft und in den Aufbau einer großen Handelskette investieren. Die Landwirtschaft bietet seines Erachtens dieselben Wachstumsmöglichkeiten wie IT-Dienstleistungen.

BOMBAY. „Die Landwirtschaft bietet dieselben Möglichkeiten wie IT-Dienstleistungen“, sagte Ambani im Gespräch mit dem Handelsblatt. Mit IT-Dienstleistungen hat Indien in den vergangenen Jahren den Weltmarkt revolutioniert. Ambani, einer der reichsten Männer Indiens, rechnet für sein Land dauerhaft mit Wachstumsraten von zehn Prozent und erwartet einen starken Zustrom ausländischer Investoren.

Das Interview mit Ambani im Wortlaut:

Handelsblatt: Herr Ambani, Indien entwickelt sich ähnlich rasant wie China. Wie unterscheidet sich der Aufstieg Ihrer Nation von dem der Volksrepublik?

Ambani: Sehr stark. China ist eine von oben gesteuerte Wirtschaft. Eine Hand voll Leute entscheidet, was im ganzen Land geschieht. Wir Inder debattieren leidenschaftlich über alles, und das bremst vieles. Aber letztendlich wird gehandelt, und dann haben Beschlüsse eine dauerhaftere Grundlage. Als wir vor fünf Jahrzehnten unsere Demokratie errangen, bezweifelten viele, dass so ein großes, armes Land damit umgehen kann. Wir haben bewiesen, dass wir das können. China hat seine wirtschaftliche Freiheit früher bekommen. Aber eine Milliarde Menschen haben den Übergang zur politischen Freiheit noch vor sich. Das wird kaum ohne Schmerzen gehen.

Wirtschaftlich ist China Ihrem Land allerdings weit enteilt.

Nun hat auch Indien zu hohem Wirtschaftswachstum gefunden. Niemand bezweifelt, dass wir acht Prozent pro Jahr halten können. Ich halte sogar zehn Prozent für möglich. Die Grundlagen sind starke Institutionen, eine junge Bevölkerung und globale Konkurrenzfähigkeit. Bei Software, Pharma und Biotechnologie konkurrieren wir mit den besten der Welt, bei anspruchsvoller Fertigung werden wir schnell wettbewerbsfähig. China ist uns bei arbeitsintensiven Tätigkeiten voraus. Aber wenn Sie ein neues Getriebe entwickeln und fertigen wollen oder ein neues Medikament, dann hat Indien klar die Nase vorn.

Wie nutzt denn Reliance Indiens Standortvorteile?

Nirgends sonst können Sie so schnell so viele billige, hoch qualifizierte Techniker mobilisieren wie in Indien. Das hilft uns etwa beim Bau unserer neuen Raffinerie. Wir errichten innerhalb von 32 Monaten eine hochmoderne Anlage mit einer Kapazität von 60 Millionen Tonnen Rohöl. Das kostet uns sechs Milliarden Dollar, ein Drittel weniger als im Rest der Welt. Die Kunden werden Schlange stehen. Denn die Welt zahlt überhöhte Preise für Benzin, weil seit langem niemand mehr in Raffinerien investiert hat.

Aber viele Wettbewerbsvorteile kann Indien nicht ausspielen, weil die Infrastruktur so schlecht ist.

Das ist unser großes Problem. In China wird Infrastruktur zentral verordnet und mit Geld aus der Druckpresse bezahlt. Aber mit wachsendem Wohlstand wird Indien automatisch auch bessere Straßen und Häfen bekommen. Die brauchen wir, damit unsere Jugend in der verarbeitenden Industrie Beschäftigung finden kann. Bis 2025 brauchen wir 200 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze.

Was in China der Staat leistet, versuchen in Indien Privatfirmen. Reliance investiert elf Milliarden Dollar in zwei Sonderwirtschaftszonen. Bekommt damit Bombay wirklich sein Pudong und Delhi sein Shenzhen?

Größe und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen werden ähnlich und ihre Qualität wird sogar besser sein. Das ist nötig, weil wir mit Verzögerung auf China starten und mehr bieten müssen. Jede Zone ist 200 Quadratkilometer groß, wird 25 Milliarden Dollar zu Indiens Wirtschaft beitragen und über Häfen, Flughäfen, Kraftwerke, Schulen und Krankenhäuser verfügen. So machen wir Indiens Standortvorteile für die Welt nutzbar. Dann hat Nike keinen Grund mehr, nach China zu gehen.

Und wie verdienen Sie damit?

Beide Projekte werden eine Stadterneuerung anstoßen. In Bombay kostet eine kleine Wohnung heute bis zu zehn Millionen Dollar. Unsere Projekte erhöhen das Wohnungsangebot, damit sinken die Preise. Aus dem ganzen Land werden junge Leute kommen, dort arbeiten und Wohnungen kaufen. Das sichert uns gute Profite. Immerhin entstehen in jedem der Gebiete innerhalb von 15 Jahren fünf Millionen Arbeitsplätze.

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