Inside Vattenfall
Im Spannungsfeld

Atomkraft, Kohlekraft oder Windenergie? Für den Chef des staatlichen schwedischen Energieriesen Vattenfall, Lars G. Josefsson, ist die Sache klar. Sein Konzern muss dort investieren, wo die Rendite stimmt.

In deutsche Kohlekraftwerke, in Atomreaktoren in Schweden und im Ausland. Aus seiner Sicht ist die Sache eindeutig.

Doch anders als in einem börsennotierten Unternehmen, entscheiden nicht Josefsson und sein Aufsichtsrat nach allein wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Vattenfall ist ein Staatskonzern, und als solcher wird er seit vielen Jahrzehnten von der schwedischen Regierung als Vehikel zur Durchsetzung energiepolitischer Ziele benutzt. Außerhalb Schwedens wird das oft vergessen. Zuletzt, als Spekulationen die Runde machten, Vattenfall würde zusammen mit seinem deutschen Konkurrenten RWE um einen Einstieg beim britischen Atom-Riesen British Energy kämpfen.

Doch selbst wenn Josefsson tatsächlich mit einem Atomeinstieg in Großbritannien geliebäugelt haben sollte, wäre es für ihn ein Himmelfahrtskommando. Denn die bürgerliche schwedische Koalitionsregierung ist sich über die künftige Energiepolitik nicht einig. Vor allem die für Vattenfall zuständige Wirtschaftsministerin Maud Olofsson, gleichzeitig Vorsitzende der äußerst atom-kritischen Zentrumspartei, will ein weiteres Engagement des Konzerns in der Kernenergie unter allen Umständen verhindern. Das gilt für das Heimatland, wo bereits zwei der insgesamt zwölf Atomreaktoren vom Netz genommen wurden, und das gilt auch für Vattenfalls ausländische Atom-Pläne. Der Konzern müsse glaubwürdig bleiben, wenn es um den von der Regierung im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Ausbau erneuerbarer Energien geht. Das schließt auch ein stärkeres Atom-Engagement im Ausland aus, heißt es aus dem Umfeld der Ministerin.

Die Parlamentwahlen in Schweden im Herbst 2009 werfen bereits jetzt ihre Schatten auch auf Vattenfall. Denn die Zentrumspartei würde einen Großteil ihrer Wähler vergraulen, wenn sie ein stärkeres Kernenergie-Engagement von Vattenfall tolerierte. Und die Atom-Ambitionen von Vattenfall könnten sogar den Fortbestand der Koalition gefährden.

Josefsson ist also in einer schwierigen Lage: Er muss an seinen alleinigen Eigner, den schwedischen Staat, Jahr für Jahr satte Gewinne überweisen. Gleichzeitig gilt für ihn die Umsetzung der energiepolitischen Agenda, die in Stockholm geschrieben wird und den massiven Ausbau der Wind- und nicht der Kernkraft vorsieht.

Um sich aus den Fesseln zu befreien, hat Josefsson vor zwei Wochen klar und deutlich einen Börsengang für seinen Konzern befürwortet. Trotz des Privatisierungseifers der jetzigen Regierung wird es dazu allerdings auf absehbare Zeit nicht kommen. Denn gleich, wer im Herbst 2009 die Wahlen gewinnt, eine parlamentarische Mehrheit für den Verkauf von Vattenfall ist derzeit nicht in Sicht. Das Spannungsfeld zwischen Politik und Wirtschaft bleibt also bestehen und bindet Josefsson die Hände.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%