Inside: Verbio
Kritische Fragen

Für die Leipziger Verbio AG war das erste volle Geschäftsjahr als börsennotiertes Unternehmen ein Desaster. Unter dem Strich steht für 2007 ein Verlust von 246,4 Millionen Euro. 2006, im Gründungsjahr, hatte der Hersteller von Biotreibstoff noch 26,6 Millionen Euro Gewinn gemacht.Der Umsatz schrumpfte um neun Prozent auf 408 Millionen Euro.

Auch die Anteilseigner mussten bluten: Von 15 Euro im Januar 2007 bis auf weniger als einen Euro im April dieses Jahres stürzte der Verbio-Kurs ab. Fast 800 Millionen Euro vom einstigen Börsenwert sind regelrecht verpufft.

Claus Sauter, Gründer, Großaktionär und Vorstandschef von Verbio, muss sich auf der Hauptversammlung am 12. Juni den kritischen Fragen bitter enttäuschter Aktionäre stellen. Schließlich hatte der Manager beim Börsengang im Oktober 2006 noch von guten Prognosen für die Biospritbranche geschwärmt. Verbio rechnete damit, dass der europäische Markt für Biodiesel und Bioethanol bis 2010 jährlich um mindestens 20 Prozent wachsen wird. Und als einziger großindustrieller Produzent beider Spritsorten sollte Verbio daran stark partizipieren.

Allerdings fehlte der Hinweis auf mögliche Risiken nicht: So warnte Verbio vor einem schwierigen Geschäftsjahr. Die 2007 eingeführte - und bis 2012 schrittweise auf 45 Cent pro Liter steigende - Besteuerung von reinem Biodiesel sowie die drastische Verteuerung der Rohstoffe Raps und Weizen würden sich negativ auf Absatz und Ergebnis auswirken.

Vor allem in der Sparte Bioethanol sieht es jedoch auch 2008 düster aus. Verbio leidet darunter, dass das Unternehmen bei den derzeitigen Weizenpreisen nicht mit billigeren Importen aus Brasilien konkurrieren kann. Dort wird der alternative Treibstoff aus Zuckerrohr gewonnen. Verbio hat drastisch reagiert: Überzeugt davon, dass die Produktion von Biobenzin hierzulande absehbar nicht lohnt, schrieb das Unternehmen am Ende des Geschäftsjahres 2007 in der Sparte Bioethanol sämtliche Firmenwerte und die Sachanlagen bis auf einen Restbuchwert von 16,8 Millionen Euro ab. Der Kraftakt bereits im Jahr nach dem Börsengang kostete das Unternehmen 250 Millionen Euro - fast die Hälfte des Eigenkapitals. Das aber wirft die Frage auf: Hat der Vorstand die Risiken unterschätzt?

Auf jeden Fall hilft die Abwertung Verbio, schneller in die Gewinnzone zu kommen, falls die Rohstoffpreise nicht noch weiter steigen. Im ersten Quartal 2008 sanken die Abschreibungen gegenüber Vorjahr um 60 Prozent auf 2,6 Millionen Euro. Außerdem ist das Management überzeugt, durch Einsatz von Zucker in einigen Monaten wieder wettbewerbsfähig Bioethanol zu produzieren.

Gut läuft es schon jetzt in der Sparte Biodiesel, auf die drei Viertel des Konzernumsatzes entfallen. Im ersten Quartal 2008 lag die Ebit-Marge bei 4,3 Prozent - das waren 0,7 Prozentpunkte mehr als im Gesamtjahr 2007. Auch die Preisexplosion bei mineralischem Diesel hilft. Für Spediteure und Autofahrer lohnt es sich wieder, reinen Biodiesel zu tanken. Im ersten Quartal war der Markt um 60 Prozent eingebrochen.

Markus Hennes
Markus Hennes
Handelsblatt / Redakteur
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