Inside: Voestalpine
Bedingt Handlungsfähig

Der österreichische Stahlkonzern Voestalpine vollzieht wegen des scharfen Nachfrageinbruchs in der Branche erneut einen Kurswechsel: Rotstift statt Expansion lautet das Motto.
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DÜSSELDORF. Das bislang teuerste Expansionsprojekt - ein bis zu sieben Milliarden Euro teurer Bau eines neuen Stahlwerks am Schwarzen Meer - hat Konzernchef Wolfgang Eder kurzerhand auf Eis gelegt. Stattdessen regiert der Rotstift: Der Konzern arbeitet über Weihnachten kurz, trennt sich von der Hälfte seiner 4000 Leiharbeiter und kürzt das Investitionsbudget um 300 Millionen Euro.

Viele Jahre galt Voestalpine als Musterknabe. Klein, aber fein lautete die Devise. So fokussierte sich das Unternehmen im Schatten ausländischer Branchenriesen frühzeitig auf qualitativ hochwertige Produkte. Mit dem Ergebnis: Trotz fehlender Größenvorteile erzielte Voestalpine überdurchschnittliche Umsatzrenditen. Denn bei Nischenprodukten wie Weichen und Schienen hatten die Österreicher eine führende Marktposition erobert.

Doch im Jahr 2007 wich der Konzern von seiner Linie ab. Um zu verhindern, dass die österreichische Böhler-Uddeholm, ein weltweit führender Anbieter von Werkzeugstahl, in die Hände eines Finanzinvestors oder ausländischer Konkurrenten geriet, preschte Voestalpine mit einem Kaufangebot vor, das die Bilanz heute noch belastet.

Denn für Böhler musste Voestalpine 3,7 Milliarden Euro auf den Tisch blättern. Obwohl das Unternehmen bis zuletzt glänzend verdiente - von Juni bis August 2008 erzielten die Österreicher mit 279 Millionen Euro sogar ihr bisher bestes Quartalsergebnis -, beträgt die Nettofinanzverschuldung immer noch 3,9 Milliarden Euro. Im Verhältnis zum Eigenkapital macht dies hohe 91,6 Prozent aus.

Kurzfristig werden die Nettofinanzverbindlichkeiten sogar noch weiter steigen. Denn bis Ende November muss Voestalpine den Minderheitsaktionären von Böhler-Uddeholm im Rahmen des Squeeze-Out-Verfahrens noch einmal bis zu 340 Millionen Euro zahlen. Voestalpine will die Zahlung aus den flüssigen Mitteln bestreiten. Zudem hat das Unternehmen jüngst Kredite mit einer neuen Anleihe in Höhe von 333 Millionen Euro refinanziert, die das Bundesland Oberösterreich zeichnete. Die Region stellt mit der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich und der Oberbank auch zwei wichtige Aktionäre.

Doch der finanzielle Spielraum für weitere Übernahmen oder Großinvestitionen ist eingeschränkt. Voestalpine ist vorerst nur bedingt handlungsfähig, zumal die Übernahme von Böhler-Uddeholm kein Glücksgriff war. Die Börse bewertet den gesamten Konzern aktuell nur noch mit 2,2 Milliarden Euro. Der Kaufpreis für Böhler hat sich sozusagen in Luft aufgelöst.

Eder bleibt dennoch Optimist. Eisern hält er am Ziel fest, in diesem Geschäftsjahr, das noch bis Ende März 2009 läuft, ein Ergebnis in Vorjahreshöhe zu erwirtschaften. Auch die aktuelle Branchenkrise, sagt er tapfer, werde Voestalpine besser überstehen als so mancher Konkurrent. Vielleicht wird?s ja doch noch was mit der Hütte am Meer.

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