Inside: Wacker-Chemie
Chemie des Vertrauens

Wer Investitionsgüter herstellt, der braucht einen langen Atem. Weltweit wird seit Jahren bestellt wie lange nicht mehr, in Energieerzeugung, Halbleitertechnik und Spezialchemie fließen Milliarden. Und wer Silikone, Harze, Lacke und Halbleiterprodukte verkauft, der ist im Moment gut im Geschäft. Für die bayerische Wacker-Chemie sind das gute Zeiten.

MÜNCHEN. Erst im Frühjahr ist das einst verschwiegene Familienunternehmen an die Börse gegangen, seitdem fährt der Aktienkurs Achterbahn. Mit einem ambitionierten Ausgabekurs von 80 Euro schoss das Papier gleich nach der Erstnotiz Anfang Mai auf 127 Euro, um dann mit den ersten Quartalszahlen kontinuierlich unter den Ausgabepreis zu sinken. Am Dienstag ging es dann steil bergauf: Überraschend erhöhte das Unternehmen seine Prognose, die Börse dankte es mit einem Kursplus von fast neun Prozent. Für einen Investitionsgüterhersteller ist das ein arg zyklischer Verlauf.

Wacker und die Börse müssen sich aneinander gewöhnen. Etwas zaghaft brachte das Familienunternehmen knapp 29 Prozent an die Börse, 1,2 Milliarden Euro flossen in die Kasse. Dass die Familie Wacker zuvor für weniger als 500 Millionen Euro 44 Prozent der Firmenanteile von Sanofi-Aventis erworben hatte, sprach für einen guten Geschäftssinn. Der geringe Wacker-Streubesitz macht das Papier aber volatil, vertrauensbildend ist das nicht.

Dabei sieht industriell alles blendend aus. Die Erlöse stiegen im ersten Quartal um ein Drittel, die Wacker Klassiker Silikone und Polymere wurden nur durch das Geschäft mit Polysilizium und Wafern für die Halbleiterindustrie überflügelt. Doch Konzernchef Peter-Alexander Wacker ist vorsichtig. Gerade einmal zehn Prozent Plus sollen am Ende des Jahres bei Gewinn und Umsatz unter dem Strich stehen, hieß es noch zum Ende des ersten Quartals. Zweieinhalb Monate später ist man sich sicher, dass es wohl doch 20 Prozent sein werden und auch der zuvor bemängelte Ausblick auf das Ergebnis wurde noch einmal kräftig angehoben.

Was zyklisch aussieht und an der Börse bisweilen die Zocker anlockt, ist eigentlich eine solide Wachstumsstory. Zum einen ist das Unternehmen wohl einer der größten Profiteure des Solarbooms. Weltweit gehört Wacker zu einem der wenigen Produzenten von Polysilizium, dem Grundstoff für die Herstellung von Solarzellen. Das Pulver ist mittlerweile so knapp, dass die Solarzellenhersteller Wacker den Ausbau der Produktion teilweise vorfinanzieren, um sich ihren Bedarf für die kommenden Jahre zu sichern. Wacker verdreifacht derzeit für 300 Millionen Euro die Kapazitäten.

Die Halbleitertochter Siltronic hat sich ein geschicktes Risikomanagement zugelegt. Das einstige Krisenunternehmen ist mit seiner sanierten Waferproduktion für die Chipherstellung ein begehrter Partner geworden. So will der Samsung-Konzern gemeinsam mit Siltronic für eine Milliarde Euro eine Waferproduktion in Singapur errichten. Weil die Koreaner einen Teil der Produktion in ihren eigenen Chipwerken verarbeiten, ist das Risiko für Wacker überschaubar. Kein anderer Waferhersteller genießt in der Branche diesen Vertrauensvorschuss.

Wie schon angedeutet, das ist eigentlich Stoff für einen soliden Börsenkurs. Doch noch hat Wacker die richtige Chemie für die Börse nicht gefunden. Für wechselseitiges Vertrauen ist noch kein Pulver entwickelt worden.

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