Interview mit Indiens mächtigstem Tycoon
„Wir kämpfen für Wohlstand“

Mukesh Ambani: Indiens mächtigster Tycoon investiert in den nächsten Jahren gut 20 Milliarden Dollar in seinem Heimatland. Für seine Reliance-Gruppe, das größte Privatunternehmen des Subkontinents, sieht er weltweit nur ein Vorbild. General Electric.

Handelsblatt: Herr Ambani, Indien entwickelt sich ähnlich rasant wie China. Wie unterscheidet sich der Aufstieg Ihrer Nation von dem der Volksrepublik?

Ambani: Sehr stark. China ist eine von oben gesteuerte Wirtschaft. Eine Hand voll Leute entscheidet, was im ganzen Land geschieht. Wir Inder debattieren leidenschaftlich über alles, und das bremst vieles. Aber letztendlich wird gehandelt, und dann haben Beschlüsse eine dauerhaftere Grundlage. Als wir vor fünf Jahrzehnten unsere Demokratie errangen, bezweifelten viele, dass so ein großes, armes Land damit umgehen kann. Wir haben bewiesen, dass wir das können. China hat seine wirtschaftliche Freiheit früher bekommen. Aber eine Milliarde Menschen haben den Übergang zur politischen Freiheit noch vor sich. Das wird kaum ohne Schmerzen gehen.

Wirtschaftlich ist China Ihrem Land allerdings weit enteilt.

Nun hat auch Indien zu hohem Wirtschaftswachstum gefunden. Niemand bezweifelt, dass wir acht Prozent pro Jahr halten können. Ich halte sogar zehn Prozent für möglich. Die Grundlagen sind starke Institutionen, eine junge Bevölkerung und globale Konkurrenzfähigkeit. Bei Software, Pharma und Biotechnologie konkurrieren wir mit den besten der Welt, bei anspruchsvoller Fertigung werden wir schnell wettbewerbsfähig. China ist uns bei arbeitsintensiven Tätigkeiten voraus. Aber wenn Sie ein neues Getriebe entwickeln und fertigen wollen oder ein neues Medikament, dann hat Indien klar die Nase vorn.

Wie nutzt denn Reliance Indiens Standortvorteile?

Nirgends sonst können Sie so schnell so viele billige, hoch qualifizierte Techniker mobilisieren wie in Indien. Das hilft uns etwa beim Bau unserer neuen Raffinerie. Wir errichten innerhalb von 32 Monaten eine hochmoderne Anlage mit einer Kapazität von 60 Millionen Tonnen Rohöl. Das kostet uns sechs Milliarden Dollar, ein Drittel weniger als im Rest der Welt. Die Kunden werden Schlange stehen. Denn die Welt zahlt überhöhte Preise für Benzin, weil seit langem niemand mehr in Raffinerien investiert hat.

Aber viele Wettbewerbsvorteile kann Indien nicht ausspielen, weil die Infrastruktur so schlecht ist.

Das ist unser großes Problem. In China wird Infrastruktur zentral verordnet und mit Geld aus der Druckpresse bezahlt. Aber mit wachsendem Wohlstand wird Indien automatisch auch bessere Straßen und Häfen bekommen. Die brauchen wir, damit unsere Jugend in der verarbeitenden Industrie Beschäftigung finden kann. Bis 2025 brauchen wir 200 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze.

Was in China der Staat leistet, versuchen in Indien Privatfirmen. Reliance investiert elf Milliarden Dollar in zwei Sonderwirtschaftszonen. Bekommt damit Bombay wirklich sein Pudong und Delhi sein Shenzhen?

Größe und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen werden ähnlich und ihre Qualität wird sogar besser sein. Das ist nötig, weil wir mit Verzögerung auf China starten und mehr bieten müssen. Jede Zone ist 200 Quadratkilometer groß, wird 25 Milliarden Dollar zu Indiens Wirtschaft beitragen und über Häfen, Flughäfen, Kraftwerke, Schulen und Krankenhäuser verfügen. So machen wir Indiens Standortvorteile für die Welt nutzbar. Dann hat Nike keinen Grund mehr, nach China zu gehen.

Und wie verdienen Sie damit?

Beide Projekte werden eine Stadterneuerung anstoßen. In Bombay kostet eine kleine Wohnung heute bis zu zehn Millionen Dollar. Unsere Projekte erhöhen das Wohnungsangebot, damit sinken die Preise. Aus dem ganzen Land werden junge Leute kommen, dort arbeiten und Wohnungen kaufen. Das sichert uns gute Profite. Immerhin entstehen in jedem der Gebiete innerhalb von 15 Jahren fünf Millionen Arbeitsplätze.

Was sehen Sie als Indiens größte Herausforderung?

Wir brauchen sozial gerechtes Wachstum. Wenn Reformen nicht dazu führen, dass alle ein Minimum an Lebensqualität erringen, kommen wir in Schwierigkeiten. Wir dürfen keine Wohlstandsinseln in einem Meer des Elends errichten. Das ist nicht nur eine Verantwortung der Politik. Das ist ein Grund, warum wir uns dem Agrarsektor zuwenden.

Die Dauerkrise der Landwirtschaft ist der Hauptgrund für die Armut in Indien. Warum wagen sich nun erstmals Konzerne wie Ihrer in diesen Bereich vor?

Indien hat erhebliche Wettbewerbsvorteile beim Ackerbau, aber wir haben sie nie genutzt. Die Lieferkette ist extrem ineffizient. 30 bis 40 Prozent aller Frischprodukte verrotten, bevor sie zum Konsumenten gelangen. Mit Hilfe moderner Logistik können wir die Preise für die Endkunden um 20 Prozent drücken, die Einkommen der Bauern stärken und gleichzeitig Gewinne machen. Und global eröffnet das dieselben Arbitrage-Möglichkeiten wie bei Büro- oder IT-Diensten. Da ist die Kostendifferenz gleich groß, und seit Indien damit handelt, sind die Weltmarktpreise dafür deutlich gefallen.

Aber anders als bei Software lassen die USA, die EU und Japan hier keinen freien Handel zu.

Das wird kommen. Schauen Sie: In der Welt werden zwei Kriege gefochten. In den Industrienationen kämpfen 1,5 Milliarden Menschen für Sicherheit und die Beibehaltung ihres Lebensstandards. 4,5 Milliarden Menschen im Rest der Welt stehen jeden Morgen auf und kämpfen einen Krieg für mehr Wohlstand, die Hälfte davon in Indien und China. Unser Land erlebt einen grundlegenden Wandel: Die vergangene Generation hat vieles hingenommen. Die jetzige Generation will, dass ihre Wünsche sofort wahr werden. Sie hat in den Medien ein besseres Leben gesehen und sagt sich: Das will ich auch! Die Industrieländer müssen ein Interesse daran haben, dass Geld an unsere Bauern fließt. Nur dann wird die Welt für alle sicherer.

Sie investieren fünf Milliarden Dollar in den Aufbau einer Supermarktkette. Was bezwecken Sie mit Ihrer Strategie „Vom Acker bis zum Teller“?

Wir wollen ein großer Einzelhandelskonzern werden. Den Anfang machen wir mit Nahrungsmitteln, denn dafür geben Inder das meiste Geld aus. Das Marktpotenzial ist gigantisch: Bis Ende des Jahrzehnts wird Indiens Bruttoinlandsprodukt eine Billion Dollar erreichen. Grob die Hälfte davon wird auf den Einzelhandel entfallen. Organisierter Handel macht davon heute aber erst drei Prozent aus. Wir wollen mindestens zehn Prozent von diesem Markt.

Das wären 50 Milliarden Dollar Umsatz. Wie schnell wollen Sie die erreichen?

Wal-Mart als größter Einzelhändler der Welt besitzt meines Wissens gut 40 Millionen Quadratmeter Fläche, gebaut über Jahrzehnte. Wir werden in den nächsten drei Jahren zehn Millionen Quadratmeter bauen. In den USA könnten Sie damit 200 Milliarden Dollar umsetzen. In Indien dürften es 25 Milliarden sein. Aber dank steigender Einkommen werden es stetig mehr. Bei den niedrigen Wachstumsraten früherer Jahre hat sich das Einkommen eines durchschnittlichen Inders im Laufe seines Lebens verdoppelt. Für die heutige Generation wird es sich im Schnitt versechs- oder versiebenfachen.

Westliche Konzerne konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft, Reliance aber diversifiziert in immer neue Geschäftsfelder.

Der Aufbau aus dem Nichts ist unsere Kernkompetenz. Dabei hilft uns, dass wir in einem Wachstumsmarkt sitzen und sich ständig neue Marktchancen auftun. Mein Vater kam 1961 nach Bombay, mit 500 Rupien in der Tasche. Er glaubte an Indiens Zukunft und gründete Reliance. Seitdem wachsen wir organisch, indem wir alle paar Jahre eine neue Sparte aufbauen, in Branchen, von denen wir vorher nichts verstanden. In vielen sind wir Marktführer geworden. Ende der 90er-Jahre waren wir schon ein „Fortune“-500-Konzern. Wir haben ein Team von 250 Spitzenleuten hier, deren Kompetenz darin liegt, neue Säulen für das Konzernwachstum zu errichten. Weltweit beherrscht das außer uns nur General Electric.

Wie wollen Sie das halsbrecherische Wachstumstempo der vergangenen zwei Jahrzehnte halten?

Mein Vater hat für unsere Einstellung ein gutes Bild geprägt: „Wenn du ein erfolgreicher Geschäftsmann sein willst, musst du dir vorstellen, einen Tiger zu reiten. Sobald du dich entspannst, wirft er dich ab.“ Denn die Märkte verändern sich schnell. In jedem unserer Geschäftsfelder werden sich die Spielregeln ändern. Wir müssen sicherstellen, dass wir die Ersten sind, die ein neues Spiel beherrschen.

Was bedeutet das konkret für Ihr Unternehmen?

Nehmen Sie die Petrochemie: Mit Hilfe von Indiens Wissenschaftsbasis können wir dabei die Führung übernehmen. Die Steinzeit ging nicht zu Ende, weil es keine Steine mehr gab. Wenn Biokraftstoffe kommerziell verwertbar werden, ist das Öl-Zeitalter zu Ende. Dieser Zeitpunkt wird kommen, und wir müssen darauf vorbereitet sein.

In welchen Branchen soll Reliance ein globaler Champion werden, und welche Rolle spielen dafür Akquisitionen im Ausland?

Wir suchen kontinuierlich und in allen Sparten nach Kaufgelegenheiten – weltweit. Bei Polyester sind wir Weltmarktführer, beliefern 120 Länder, und seit dem Kauf von Trevira in Deutschland haben wir eine Produktionsbasis in Europa. Bei Kunststoffen sind wir unter den ersten zehn der Welt. Wir wollen mindestens unter die ersten fünf kommen. Unser Raffineriegeschäft ist global, die neue Raffinerie ist zu 100 Prozent auf Exporte nach Europa und die USA ausgelegt. Bei der Öl- und Gasexploration gehen wir dorthin, wo die Rohstoffe sind. Wir halten bereits Felder in Oman, Kolumbien, Osttimor und Afrika. Bei Biotechnologie suchen wir nach Kaufgelegenheiten in der ganzen Welt, auch in Europa und den USA. Nur der Einzelhandel wird auf den Binnenmarkt konzentriert bleiben.

Wird es in Indien bald viele Großkonzerne wie Reliance geben?

Ohne Frage. Hier entstehen viele neue Weltfirmen. Sie nutzen ihren schnell wachsenden Heimatmarkt und unsere Standortvorteile als Sprungbrett. Doch ihre Auslandsinvestitionen sind nicht so entscheidend wie die Direktinvestitionen, die in unser Land kommen.

Indien kann also seinen Rückstand bei den Direktinvestitionen gegenüber China wettmachen?

In den nächsten Jahren bietet weltweit kein Land bessere Investitionschancen als Indien. In Deutschland etwa ist es doch viel schwerer, Geld zu machen, als hier. Außerdem: In den nächsten 30 Jahren werden Europa, Japan und die USA altern, aber Indien bleibt extrem jung. Alle Weltfirmen werden hierher strömen.

Das Gespräch führten Joachim Dorfs und Oliver Müller.

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