Investitionen
Araber verlangen mehr deutsches Engagement

Arabische Staatsfonds wollen künftig ihre Beteiligungen an deutschen Unternehmen verstärkt an Investitionen im Nahen Osten knüpfen. Als attraktive Schlüsselbranchen in Deutschland kommen demnach die Sektoren Auto, Energie, Finanzen und Immobilien in Frage.

ABU DHABI. „Wir hoffen, dass sich deutsche Firmen mehr am Persischen Golf engagieren und hier auch produzieren“, sagte Mohamed Badawy Al-Husseiny, Finanz-Chef des Daimler-Großaktionärs Aabar, dem Handelsblatt. Al-Husseiny besuchte mit Vertretern weiterer Staatsfonds aus Abu Dhabi einen Investment-Workshop, an dem auch Bundeswirtschaftsminister Kar-Theodor zu Guttenberg und eine Delegation von mitgereisten deutschen Unternehmern teilnahmen.

Attraktive Schlüsselbranchen in Deutschland seien die Sektoren Auto, Energie, Finanzen und Immobilien, sagte Al-Husseiny. „Sobald sich Gelegenheiten ergeben, werden wir einen Einstieg prüfen“, betonte der Aabar-Manager. Alle weiteren Autoinvestitionen in Deutschland – auch bei Zulieferfirmen – liefen über Daimler. Aabar würde es begrüßen, wenn Daimler ein Entwicklungszentrum in Abu Dhabi, dem Sitz des Fonds, bauen könnte.

Deutsche Teilnehmer des Workshops sprachen von einer Trendwende im Anlageverhalten der Araber. „Investoren gehen in deutsche Unternehmen, um in der Region einen Industrialisierungsprozess in Gang zu setzen“, sagte Michael Pfeiffer von „Germany Trade and Invest“. Das sei vor einem Jahr noch nicht so gewesen.

Arabische Staatsfonds seien in Deutschland besonders an den Bereichen erneuerbare Energien, Petrochemie, Gesundheit und Ausbildung interessiert. Wirtschaftsminister zu Guttenberg ermunterte die arabischen Staatsfonds zu mehr Anlagen in Deutschland. „Ausländische Investoren und Shareholder sind bei uns herzlich willkommen“, sagte der Minister. Deutschland werde gestärkt aus der Finanzkrise hervorgehen. „Wir erwarten für das Jahr 2010 bereits Wachstum“, betonte zu Guttenberg.

Deutsche Firmen, die auf der arabischen Halbinsel aktiv sind, bestätigten die gestiegene Erwartungshaltung der Scheichs. „Wir werden künftig erheblich mehr zur lokalen Wertschöpfung beitragen müssen“, sagte Erich Kaeser, Siemens-Chef für den Nahen Osten, dem Handelsblatt. Das betreffe sowohl Forschung und Entwicklung als auch Fertigung. „Die arabischen Regierungen fordern von ausländischen Betrieben mehr Engagement.“

Nach Einschätzung deutscher Unternehmer ist die Investitionsbereitschaft der Öl- und Gas-Großmächte aufgrund der Rohstoffeinnahmen der vergangenen Jahre ungebrochen. So wollen die VAE bis Ende 2012 rund 600 Mrd. Dollar in Infrastruktur-Projekte stecken, Saudi-Arabien hat für denselben Zeitraum 400 Mrd. Dollar angekündigt. „Wir haben es in der Region weniger mit einer Finanz- als mit einer Bankenkrise zu tun“, betonte Kaeser.

Auch der Essener Industrie-Dienstleister MAN Ferrostaal, zu 70 Prozent im Besitz des Staatsfonds International Petroleum Company (IPIC) aus Abu Dhabi, sieht im Nahen Osten ein gewaltiges Entwicklungspotenzial. MAN Ferrostaal macht sich bei der Anlage des Petrochemiewerks Chemaveyaat am Persischen Golf Hoffnungen auf Milliardenaufträge. Die Fabrik hat ein Gesamtvolumen von 60 bis 80 Mrd. Dollar. „Da gibt es noch viele Projekte, die von deutschen Unternehmen bearbeitet werden können“, sagte Stephan Reimelt, Vorstandsmitglied von MAN Ferrostaal, dem Handelsblatt. Der Fonds IPIC investiert insbesondere in Öl, Gas, Petrochemie und Solarenergie.

Gegenwärtig haben die fünf größten Staatsfonds aus dem Nahen Osten rund 16 Mrd. Euro in europäische Unternehmen investiert. Dabei liegt Großbritannien mit 57 Prozent auf Platz eins, gefolgt von Deutschland (19 Prozent) und der Schweiz (18 Prozent). Die Schlüsselbranchen sind Finanzen, Energie und Automobil. Die Gesellschaft mit dem größten Anlagevolumen in Europa ist die Kuwait Investment Authority, die Anteile an Daimler, BP und Vodafone hat. Die Qatar Investment Authority ist an der Credit Suisse und an Barclays beteiligt. Aabar aus Abu Dhabi hat Kapital in Daimler und die AIG Private Bank in der Schweiz gesteckt.

Nach Ansicht von Experten entdecken die Araber zunehmend auch den deutschen Mittelstand. „Investoren aus dem Nahen Osten suchen den Kontakt zu kleineren und mittleren Unternehmen: Das ist eine Riesenchance für Deutschland“, sagte Arno Fuchs, Geschäftsführer des Münchener Finanzhauses FCF Fox Corporate Finance. Nachgefragte Branchen seien Infrastruktur, Maschinenbau und Metallverarbeitung, erneuerbare Energien, Gesundheit und Bildung. Das Ziel der Investments sei es, mittelfristig am Golf Produktionsanlagen zu schaffen.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%