Kernkraftwerk
Ägypter schlachten deutsches AKW aus

Ein zentraler Teil des seit Jahren stillgelegten Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich wird in den kommenden Monaten nach Ägypten exportiert. Zwar werden ausgediente Großanlagen regelmäßig in Entwicklungs- und Schwellenländer verschifft – doch die Lieferung von Teilen eines Kernkraftwerkes ist politisch durchaus heikel.
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DÜSSELDORF. Der Eigentümer der Anlage, der Essener Energiekonzern RWE, hat fast das komplette Innenleben des Maschinenhauses – Turbine, Generator und Nebenaggregate – über einen Zwischenhändler an einen ägyptischen Versorger veräußert. Entsprechende Informationen des Handelsblatts bestätigte ein Unternehmenssprecher. Die Anlagen werden künftig in einem neuen Kraftwerk in dem nordafrikanischen Land eingesetzt, das vermutlich mit Gas angetrieben wird.

Ausgediente Großanlagen werden zwar regelmäßig in Entwicklungs- und Schwellenländer exportiert. China beispielsweise hat ein komplettes Stahlwerk von Thyssen-Krupp ab- und vor Ort wieder aufgebaut. Dass aber ein zentraler Teil eines Kernkraftwerkes in den Nahen Osten verschifft wird, ist neu und politisch durchaus heikel. Zumal sich der ägyptische Käufer noch offenhält, welcher Brennstoff letztlich die Maschine antreiben wird.

Neben Gas sei durchaus auch der Anschluss an einen Reaktor denkbar, hieß es in Kreisen der beauftragten Projektgesellschaft. RWE sieht in dem Geschäft allerdings kein Problem. Es handele sich nur um den konventionellen, nicht den nuklearen Teil der Anlage, heißt es bei Deutschlands zweitgrößtem Energiekonzern. Weil die Maschinen bereits aus dem deutschen Atomgesetz entlassen wurden, gibt es zunächst keine rechtlichen Hürden für das Geschäft.

Der Rückbau der Anlage läuft seit 2004 und wird rund zwölf Jahre dauern

Mülheim-Kärlich steht symbolhaft für das schwierige Verhältnis der Deutschen zur Kernkraft. Die Anlage, nördlich von Koblenz am Rhein gelegen, musste 1988 nach nur 13 Monaten Betrieb wieder vom Netz, weil die Baugenehmigungen fehlerhaft waren. Nach einem langen Rechtsstreit beschloss das Bundesverwaltungsgericht im Jahr 1998 das endgültige Aus. RWE baut die Anlage seit 2004 zurück und plant für die gesamten Arbeiten rund zwölf Jahre ein. Im Reaktorgebäude wurden bereits kilometerlange Kabelstränge, zahlreiche Pumpen, Rohrleitungen und Isolierungen entfernt.

Die Entkernung des Maschinengebäudes ist das nächste große Projekt. Das RWE-Management hatte dafür mehrere Interessenten, den Zuschlag bekam aber letztlich die Frankfurter 3 Y Logistic und Projektbetreuung GmbH, die im Besitz eines Ägypters ist. Sie handelt im Auftrag des ägyptischen Versorgers Minya Gas.

Über den Preis haben die Unternehmen Stillschweigen vereinbart. In Kreisen der Vertragspartner wird er aber auf rund 40 Millionen Euro taxiert. Für beide Seiten ist das Geschäft reizvoll. RWE spart sich die Entsorgung der sperrigen Teile, die Ägypter sparen sich die Anschaffung neuer teurer Anlagen. Allein eine neue Turbine würde schließlich rund 100 Millionen Euro kosten. Die Anlagen aus Mülheim-Kärlich sind zwar schon 30 Jahre alt, gelten wegen ihrer kurzen Einsatzzeit im Reaktor allerdings als voll funktionstüchtig.

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