Lafarge-Holcim in der Kritik
Ob IS oder Trump – Hauptsache Deal

Dem Zementkonzern Lafarge-Holcim wird vorgeworfen, Schutzgelder an den IS gezahlt zu haben. Auch für eine Mitwirkung am Mauerbau an der Grenze zu Mexiko zeigt sich der Konzern offen. Die Kritik wird immer lauter.
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ParisDie Herstellung von Zement wirbelt ordentlich viel Staub auf. Aber nicht die Produktionstechnik, sondern das Verhalten des „neuen Leaders für eine neue Welt“, so der eigene Claim, erregt derzeit die Öffentlichkeit in Frankreich. Das aus der Fusion von Lafarge und Holcim entstandene Unternehmen ist dabei, seinen Ruf zu verspielen. Zwei Fälle tragen dazu bei: Die Zahlung von Geldern an Dschihadisten in Syrien und die mögliche Beteiligung am Bau von Donald Trumps Mauer an der Grenze zu Mexiko.

Was die Mauer angeht, hatte Lafarge-Holcim-Chef Eric Olsen im Interview mit AFP gesagt, er sei „an allen Infrastrukturprojekten in den USA interessiert“, die Gruppe wolle sich an allen beteiligen und verfolge keine politischen Ziele. Er distanzierte sich damit von der Stellungnahme seines irischen Konkurrenten CRH, der klar gemacht hat, dass er keinen Zement für Trumps Mauer liefern wird.

Olsens Ansage irritierte sogar Frankreichs Staatspräsidenten François Hollande und Außenminister Jean-Marc Ayrault. „Lafarge sollte sehr vorsichtig sein,“ mahnte Hollande am Rande des EU-Gipfels in Brüssel. Ayrault ging ausführlicher darauf ein: „Lafarge sagt, sie machen keine Politik, sehr gut, aber ich erinnere daran, dass Unternehmen auch eine soziale und Umweltverantwortung haben.“ Er fordere Lafarge-Holcim auf, sich seiner Verantwortung bewusst zu sein: „Das Unternehmen sollte sehr genau nachdenken, auch über seine eigenen Interessen: Es wird andere Kunden geben, die das (die Mauer) mit einer gewissen Verstörung sehen werden.“ Ayrault wies Lafarge-Holcim darauf hin, dass Trumps Mauerprojekt in Mexiko „ein großes Befremden“ auslöse.

Eine Sprecherin des Zementherstellers sagte dem Handelsblatt, man habe noch keine Entscheidung getroffen, was die Beteiligung am Bau der umstrittenen Sperranlage betreffe. „Wir wissen ja noch nicht einmal, aus welchen Materialien die gebaut werden soll“, argumentierte sie. Gleichzeitig räumte sie aber ein, dass es bereits eine Ausschreibung gebe, an der sich mehrere Bauunternehmen beteiligten. Kommuniziert Lafarge-Holcim als wichtigster Zementlieferant der USA also nicht mit seinen Kunden? Keine Antwort. Ist die Mauer ein Projekt, das für Lafarge in Frage kommen könnte, das vielleicht schon vorbereitet wird? Kein Kommentar.

Es ist nicht der erste Fall, in dem Lafarge in der Kommunikation einen Eisernen Vorgang herunterlässt. Im vergangenen Jahr enthüllte die französische Tageszeitung Le Monde, dass die damals noch nicht mit Holcim fusionierte Gruppe in Syrien ein Zementwerk nördlich von Aleppo auch dann weitergeführt hatte, als dschihadistische Gruppen und solche des Islamischen Staates die Gegend besetzt hatten. Schlimmer noch: Lafarge habe Schutzgelder an diese Gruppen gezahlt. Lafarge schaltete auf stur: „Wir kommentieren die Berichte von Le Monde nicht.“ In einem spärlichen Kommuniqué stellte das Unternehmen lediglich fest, das Werk in Jalabiyeh sei von 2010 bis 2014 betrieben worden. „Als der Konflikt sich näherte“, sei es die erste Priorität des Unternehmens gewesen, die Mitarbeiter zu schützen. Im September 2014 seien alle Beschäftigten in bezahlten Urlaub geschickt worden. Im Dezember 2015 dann habe man „einen Plan verwirklicht, der Entlassungen und – da wo möglich – Umbesetzungen beinhaltete.“ Kein Wort zu den Zahlungen an den IS oder befreundete Gruppen.

Später schob Lafarge nach, man prüfe die Vorwürfe intern. Nun wurde das Ergebnis vorgelegt, in Form eines weiteren Kommuniqués, das mehrfach von Anwälten geprüft worden sein muss, so vorsichtig ist es formuliert. Im Grunde bestätigt Lafarge den Bericht von Le Monde: „Aufgrund der Untersuchung ist zu schließen, dass das lokale Unternehmen Gelder an Dritte zahlte, damit Vereinbarungen mit gewissen bewaffneten Gruppen, einschließlich sanktionierter Parteien, in der Absicht geschlossen werden konnten, den Betrieb weiterführen zu können und sowohl für Mitarbeitende als auch Waren einen sicheren Zugang zum Werk zu gewährleisten.“ Doch gleichzeitig behauptet der Konzern, noch immer die Gnade der Unkenntnis zu genießen: „Aufgrund der Untersuchung ließen sich allerdings die endgültigen, hinter diesen Dritten stehenden Empfänger dieser Gelder nicht eindeutig ermitteln.“

Le Monde sieht das anders: Mindestens ein Jahr lang habe Lafarge Zahlungen an den IS geleistet, damit die eigenen Lastwagen ungehindert durchgelassen wurden und auch, um Brennstoff von Ölquellen zu beziehen, die die Terrororganisation kontrollierte.

Wenn Lafarge also Zahlungen an Gruppen geleistet hat, die von den westlichen Staaten als Terrororganisationen geführt werden, hat das Unternehmen einen schwerwiegenden Rechtsverstoß begangen. Finanzierung des Terrorismus, auch wenn sie als Schutzmaßnahme „für Waren und Mitarbeiter“ dargestellt wird, ist kein Kavaliersdelikt.

Aber das sieht Lafarge anders, das Unternehmen ist sich keiner Schuld bewusst: „Aus heutiger Sicht kann festgestellt werden, dass die für den weiteren Betrieb des Werks erforderlichen Maßnahmen nicht akzeptabel waren.“ Nur „aus heutiger Sicht“, nicht aufgrund der schon damals bestehenden Rechtslage? Für „den Betrieb erforderlich“ – hatte die Leitung keinen Ermessensspielraum? „Nicht akzeptabel“ – doch wohl eher schlicht widerrechtlich!

Lafarge entschuldigt die eigene Entscheidung, das Werk weiterzuführen, sogar: „Wohl haben die für Syrien Verantwortlichen offenbar in der Absicht gehandelt, wie sie dies für das Unternehmen und die Mitarbeitenden für richtig hielten. Dennoch haben die Untersuchungen ergeben, dass erhebliche Fehleinschätzungen vorlagen, die nicht mit dem geltenden Verhaltenskodex vereinbar waren.“ Das ist starker Tobak: Hier geht es nicht um irgendeinen unverbindlichen Verhaltenskodex, sondern um verbindliche Vorschriften zur Unterbindung der Terrorfinanzierung.

Das Unternehmen verzichtet nach wie vor darauf, Ross und Reiter zu nennen, zu sagen, wer wann welche Entscheidung getroffen hat. Es ging um ein Werk, dessen Bau den Konzern nach eigener Aussage 680 Millionen Euro gekostet hat – da wird wohl kaum der syrische Pförtner entschieden haben, ob die Produktion fortgesetzt wird oder nicht. Doch Lafarge denkt gar nicht daran, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, und lässt keinen Zweifel daran zu, dass der Eiserne Vorhang fest geschlossen bleiben soll: „Das Unternehmen wird die Erkenntnisse oder das Verhalten von einzelnen Personen nicht weiter kommentieren.“

Möglicherweise hat das Management sich da zu früh gefreut. Außenminister Ayrault sagte im Radio, gegen das Unternehmen laufe eine Untersuchung.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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