Milliardenprojekt in Nigeria
Eine Glühbirne für drei Einwohner

Ein Milliardendeal zwischen Nigeria und dem US-Mischkonzern General Electric erzeugt kein einziges Megawatt Strom. Und wer ist schuld an dem Desaster? Der Zeigefinger der Ankläger deutet auch nach Deutschland.

KOKO. Die Hafenwächter von Koko im Süden von Nigeria staunen jeden Tag aufs Neue – und das seit Monaten. Auf dem Gelände, das sie bewachen, lagern zwölf riesige Turbinen, die eigentlich in Kraftwerken Tausende Megawatt Strom produzieren sollten. Aber niemand holt sie ab. Sechs Turbinen ruhen gleich hinter dem Hafentor neben wucherndem Gebüsch, sechs weitere neben einer Halle, in der Gefrierfisch gelagert wird.

Wann die Turbinen verladen werden? Die Wächter zucken mit den Schultern. „Unsere Regierung wird sie wohl irgendwann abholen“, sagt Peter Emiowole von der Nigerian Ports Authority. Doch er scheint selbst nicht zu glauben, dass das bald passiert. „Die Turbinen kamen im Oktober letzten Jahres, seither ist nichts passiert“, sagt er.

Die Turbinen im Hafen von Koko sind Teil eines gewaltigen Investitionsprogramms in Nigerias Energieversorgung. Zehn Milliarden Dollar wollte die Regierung dafür ausgeben. Doch nun verrotten die Turbinen vor sich hin, und Nigerias Politiker streiten, wer für die drohende Pleite verantwortlich ist: der Turbinenhersteller General Electric (GE) oder vielleicht eher die deutsche Firma Lahmeyer International, die die Regierung bei dem Projekt beraten hat.

Zurzeit erzeugt Nigeria für seine gut 140 Millionen Einwohner nicht einmal 3 000 Megawatt Strom im Jahr – rechnerisch teilen sich drei Nigerianer eine Glühlampe. Das ebenfalls von Stromausfällen geplagte Südafrika produziert 40 000 Megawatt für 47 Millionen Einwohner.

Nigerias Industrieverband macht seit langem die chaotische Stromversorgung für die sinkende Industrieproduktion verantwortlich. Investoren ziehen sich zurück. Die Reifenfirma Dunlop begründete vergangenes Jahr das Aus für ihre Produktion in Nigeria mit den hohen Energiekosten. Jede Firma, jeder Haushalt, jedes kleine Geschäft in Lagos oder Koko muss teure Generatoren anschaffen, um ein bisschen Strom zu haben.

Die Turbinen im Hafen von Koko sollten Gaskraftwerke im Nigerdelta antreiben. „Das ist die umfangreichste gemeinsame Anstrengung in der Geschichte des Landes, Strom zu erzeugen“, verkündeten Nigerias Energieministerium und GE im Dezember 2005, als sie die Verträge für das sogenannte „National Integrated Power Project“ (NIPP) unterzeichneten. Spätestens Mitte 2007 hätten die Kraftwerke im Nigerdelta 2 000 Megawatt ins Stromnetz einspeisen sollen. Aber bisher läuft kein einziges.

Stattdessen hat das NIPP beste Chancen, zu einem der zahlreichen Investitionsprojekte in Afrika zu verkommen, mit denen Politiker sich zwar rühmen und die Milliarden verschlingen, am Ende aber den Menschen vor Ort nicht nützen. Dazu gehört auch die umstrittene Ölpipeline vom Tschad nach Kamerun, die unter anderem die Weltbank finanzierte. Die Erlöse sollten die Armut bekämpfen helfen, flossen aber in die Taschen des Militärs. Ein Stahlwerk, das Nigeria in Ajaokuta aus dem Boden stampfte, hat bis heute keine einzige Tonne Eisenerz verarbeitet.

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