Nie zuvor war ein Daimler-Chrysler-Vorstandschef auch Lenker der wichtigsten Konzernsparte Mercedes
Zetsche bekommt ungeahnte Machtfülle

Der designierte Daimler-Chrysler-Chef Dieter Zetsche wird mit der anstehenden Übernahme der Mercedes-Führung eine ungewöhnlich große Machtfülle erhalten. Noch nie lagen die Leitung der wichtigsten Sparte und der Vorstandsvorsitz beim deutsch-amerikanischen Konzern in einer Hand. Wenn der jetzige Chrysler-Boss noch vor der Automesse IAA im September von Detroit nach Stuttgart wechselt, beginnt bei Daimler eine neue Ära. Experten sehen in der Doppelfunktion allerdings auch Risiken.

FRANKFURT. Der neuerliche Vorstandsumbau wurde notwendig, weil der bisherige Mercedes-Chef Eckhard Cordes auf eigenen Wunsch zum 31. August das Unternehmen verlässt. Zetsche übernimmt das Steuer der wichtigsten Konzerntochter, bis ein Nachfolger gefunden ist. Nach Informationen aus dem Umfeld des Aufsichtsrates soll der Mann mit dem Walrossbart mindestens für ein Jahr die Mercedes Car Group leiten. Zuvor hatten VW-Vorstand Wolfgang Bernhard, Linde-Chef Wolfgang Reitzle und GM-Manager Carl-Peter Forster abgewinkt. Auch der ehemalige Mercedes-Boss Jürgen Hubbert kehrt nicht zurück. „An dem Gerücht ist nichts dran“, sagte Hubbert dem Handelsblatt.

Zetsche muss sich als neuer Mercedes-Chef nun vor allem darum kümmern, dass die von Cordes erfolgreich gestartete Sanierung der Mercedes Car Group nicht stecken bleibt, sagt Auto-Analyst Michael Punzet von der Landesbank Rheinland-Pfalz. Cordes hat bereits ein drastisches Kostensenkungs- und Sparprogramm namens Core angeschoben, das den Gewinn der Gruppe, zu der neben Mercedes und Smart auch die Luxuskarosse Maybach zählt, bis 2007 um drei Mrd. Euro in die Höhe katapultieren soll. „Wenn er weg ist, könnte es schon sein, dass bestimmte Sparprojekte ein bisschen langsamer umgesetzt werden“, befürchtet Punzet. Investoren wie die Fondsgesellschaft Union Investment warnen indes vor der Arbeitsbelastung, die sich Zetsche mit der Lösung zumutet. „Die Führung des Gesamtkonzerns ist anstrengend genug. An der Spitze von Mercedes hätten wir lieber mehr Manpower“, kritisierte Rolf Drees von der Fondsgesellschaft.

Denn schneller als gedacht wird Zetsche sich ins operative Geschäft der wichtigsten Konzerntochter einmischen müssen. Bereits im September sollen die Gespräche über einen sozialverträglichen Stellenabbau von mehreren Tausend Arbeitsplätzen bei der Mercedes-Gruppe beginnen – und noch im Herbst soll nach Worten von Daimler-Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm ein Ergebnis vorliegen. Der Personalabbau könnte den Konzern erneut mit einer dreistelligen Millionen-Euro-Summe belasten, denn das Unternehmen ist an einen Beschäftigungspakt gebunden, nach dem es bis 2012 keine betriebsbedingten Kündigungen geben darf. Zetsche muss darum auf Instrumente wie einen befristeten Personalaustausch und attraktive Abfindungsprogramme setzen – und das kostet.

Experten sehen denn für Zetsche auch Risiken in der neuen Doppelfunktion. Bleiben Erfolge beim größten Krisenherd aus, stünde der neue Boss gleich im Feuer, warnen sie. Beispiellos ist eine solche Doppelfunktion in der Branche aber nicht. VW-Chef Bernd Pischetsrieder führte bis zum Start des neuen VW-Markenchefs Bernhard auch die wichtigste Konzerntochter. Und Renault-Chef Carlos Goshn behielt beim Start dieses Jahr die Leitung von Nissan inne.

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