Norbert Reithofer im Interview
„Unsere Fabriken in Deutschland sind zu 100 Prozent ausgelastet“

Der Chef des bayrischen Autobauers BMW, Norbert Reithofer, erklärt im Interview seine Strategieplanung und macht dem Erzrivalen Daimler den Weg in die gemeinsame Motorenkooperation mit dem französischen Autobauer Peugeot frei.

Handelsblatt: Herr Reithofer, die Börse reagierte auf die Vorlage Ihrer Strategieplanung mit einem Kursrutsch. Fühlen Sie sich missverstanden?

Reithofer: Nein. Wir haben in den vergangenen zwei Wochen eine sehr erfreuliche Kursentwicklung gesehen. Der Anstieg beschleunigte sich durch die Spekulationen um die Strategiekonferenz. Der Kapitalmarkt hat unsere mittel- und langfristig ausgerichtete Strategie verstanden. Verständlich ist, dass einige kurzfristig orientierte Anleger nach dem starken Kursanstieg Gewinne mitnehmen. Wir haben letzte Woche ja auch nur die Spitze des Eisbergs gezeigt.

Dann blicken wir unter die Wasserlinie. Wo stecken konkret die Potenziale für den angestrebten Rendite- und Effizienzsprung?

Ein Großteil kommt ganz klar aus dem Bereich Materialkosten, bei dem wir massives Einsparpotenzial ausgemacht haben. Und da haben wir mit der Bündelung der Verantwortlichkeiten für Komponentenwerke, Einkauf und Logistik einen großen Schritt gemacht. Nun liegt die komplette Prozesskette in der Hand eines Vorstands.

Müssen sich jetzt die Zulieferer auf eine neue Sparrunde einstellen? Das ist die übliche Vorgehensweise in der Branche…

Viele Zulieferer schätzen uns als Kunden, weil wir für sie Innovationspartner sind. Die Verbesserungen der Abläufe und Produktionswege sind nicht allein ein Thema für unsere Lieferanten. Aber natürlich werden wir mit ihnen auch über die Preise sprechen.

Und wo steckt bei BMW das größte Verbesserungspotenzial?

Vor allem in Forschung und Entwicklung. Bereits heute kommen bei uns viele Modelle aus einer Produktlinie und nutzen gleiche Teile. Diesen Weg werden wir in Zukunft noch viel stärker gehen. Wir werden stärker als in der Vergangenheit Baukästen haben, aus denen wir dann alle möglichen Modelle, Varianten und Derivate ableiten werden. So werden der 1er, das neue 1er Cabrio, der 3er, der Z4 und der X3 künftig aus einem Baukasten entwickelt werden. Bisher waren das zum Teil noch Einzellösungen.

Was heißt das für die BMW-Werke?

Das heißt, dass BMW künftig noch stärker in der Lage sein wird, die Auslastung seiner Fertigungsstätten durch die Verlagerung von Produktionsvolumina zu optimieren.

Werden Sie Stellen von Deutschland ins Ausland verlagern?

Die Produktion muss den Märkten folgen. Wir werden deshalb tendenziell in den nächsten Jahren mehr Produktionskapazität im Ausland aufbauen. Aber um das ganz klar zu sagen: Deutschland ist und bleibt unser wichtigster Produktionsstandort. Die Arbeitsplätze in Deutschland sind trotz Effizienzprogramm auch in den nächsten Jahren sicher. Unsere Fabriken in Deutschland sind zu 100 Prozent ausgelastet und arbeiten wie ein Uhrwerk. Mancher Konkurrent beneidet uns darum.

In der Vergangenheit gab es massive Kritik an der Hedging-Strategie von BMW.

Lassen Sie mich eines klarstellen: Ich und der gesamte Vorstand stehen voll hinter der Hedgingstrategie unseres Unternehmens. Damit gelang es uns in den vergangenen Jahren, die Belastungen durch Währungsschwankungen deutlich zu mildern.

Wird der neue geplante „Progressive Activity Sedan“ – eine sportliche Großraumlimousine – auch in Deutschland gebaut?

Ja, definitiv. Umfragen haben ergeben, dass wir rund die Hälfte der Produktion in Europa absetzen werden, deshalb ist der Standort Deutschland perfekt geeignet, während der geplante BMW X6 in den USA gefertigt werden wird, wo wir das größte Absatzpotenzial für dieses Sports Activity Coupé sehen.

Im Moment ist Ihr Hauptproblem aber, dass Sie deutlich weniger verdienen als Erzkonkurrent Mercedes.

Unser Topmodell, die 7er-Reihe, erreicht im kommenden Jahr das Ende ihres Produktzyklus’. Mit dem neuen 7er und der neuen 5er-Reihe wird sich der Abstand bei den Erlösen zu Mercedes wieder deutlich verringern. Wir müssen aber auch die Forschungs- und Entwicklungskosten senken. Wir haben in den vergangenen Jahren überdurchschnittlich viel Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt und dafür viele technische Innovationen für unsere Fahrzeuge bekommen. Aber es stimmt, dass wir in Zukunft aus weniger mehr machen wollen. Unsere Forschungs- und Entwicklungsausgaben pro Fahrzeug werden kräftig sinken – auch durch unser neues Baukastensystem.

Kooperationen könnten da helfen. Peugeot-Chef Christian Streiff will Daimler als Partner in die Kooperation mit BMW bei Kleinwagen-Motoren aufnehmen. Ein gangbarer Weg?

Wenn Daimler Interesse daran hat, steht die Tür offen. Ein dritter Partner würde schließlich weitere deutliche Synergieeffekte bringen.

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