Pharma-Produzent Amgen
Klagewelle gegen Epo-Hersteller

Wenn es um die Leistungssteigerung im Radsport geht, ist Epo das Doping-Mittel der Wahl. Kurz vor dem Start der Tour de France am 7. Juli überschattet der Dopingskandal um das Blutmittel das wichtigste Radsportereignis der Welt. Jetzt bringt eine neue Klagewelle auch die Produzenten des Medikaments unter Druck.

DÜSSELDORF. Der US-Pensionsfonds UFCW beschuldigt den weltgrößten Epo-Hersteller Amgen, sich auf Kosten und zum Schaden von Patienten bereichert zu haben. In einer Klageschrift, die dem Handelsblatt vorliegt, wirft UFCW dem US-Konzern vor, Ärzten behördlich nicht genehmigte Anwendungen von Epo empfohlen zu haben. Epo sei bei Krebspatienten eingesetzt worden, bei denen das Medikament nicht heilt, sondern zu Nebenwirkungen oder gar zum Tod führen könne.

"Wir haben mit einer solchen Klage gerechnet, und wir erwarten noch mehr", sagt Mark Schönebaum, Biotechanalyst der Investmentbank Bear Stearns. Die Aussichten des Fonds, Ausgaben für nicht angezeigte medizinische Therapien zurückerstattet zu bekommen, seien zwar ungewiss. Wichtiger seien aber die verschlechterten Wachstumsaussichten für Amgen bei der Behandlung von Krebspatienten. Der führende Epo-Forscher Horst Pagel bezeichnet die Klage als bedeutsam für die ganze fast zwölf Mrd. Dollar schwere Epo-Branche. Pagel: "Hier geht es darum, ob der halbe Markt wegbricht."

Epo wird zur Behandlung von Blutarmut eingesetzt. 80 bis 90 Prozent aller westlichen Dialyse-Patienten spritzen sich den Wirkstoff - in Deutschland sind es gut 50 000. 2005 wurden hier Epo-Medikamente im Wert von 370 Mill. Euro verschrieben. Neben dem fast gesättigten Markt gibt es jedoch noch ein riesiges, unerschlossenes Therapiefeld: Krebs. Nach Einschätzung der Pharmaindustrie kommen allein in Europa zwei Millionen Krebspatienten mit Blutarmut für eine Epo-Therapie in Frage. Nur acht Prozent davon würden bisher damit behandelt.

Epo galt deshalb als gigantischer Wachstumsfaktor. Die Biotech-Analysten der Deutschen Bank prognostizierten im vergangenen September, die Umsätze würden sich bis 2012 mehr als verdoppeln. Den Markt beherrschen das US-Duopol Amgen und Johnson & Johnson. An dritter Stelle liegt Roche. Novartis und Stada wollen mit ihren Epo-Nachahmer-Produkten (Generika) noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Durch die Klagewelle gegen Amgen könnten auch die europäischen Hersteller unter Druck geraten.

Amgen erwirtschaftet mit seinen beiden Epo-Blockbustern Epogen und Aranesp fast die Hälfte seiner 14 Mrd. Dollar Umsatz. Allein der Verkauf von Aranesp, das bei Krebspatienten eingesetzt wird, ist im vergangenen Jahr um 27 Prozent gestiegen. In den USA werden 350 000 Krebspatienten mit Epo behandelt. Die Klage des US-Fonds zeigt jetzt ein Problem auf, vor dem Wissenschaftler seit Monaten warnen: Epo wird bei zu vielen Patienten und in zu hohen Dosen angewendet. Und bei Krebspatienten könnte es sein, dass der Wirkstoff nicht hilft, sondern tötet.

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