Pharmakonzern
Novartis zahlt 51 Milliarden Dollar

Der Schweizer Konzern macht den Kauf des Augenheilspezialisten Alcon perfekt. Er folgt damit dem Trend zur Diversifikation, denn auch viele andere Pharmakonzerne setzen nicht mehr völlig auf das klassische Medikamentengeschäft. Doch die Strategie ist teuer.
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FRANKFURT. Der Schweizer Pharmariese Novartis hat den Weg freigeräumt für eine Komplett-Übernahme des Augenheilkunde-Konzerns Alcon. Mit dem Verwaltungsrat von Alcon einigte sich die Novartis-Führung auf eine Übernahme der restlichen 23 Prozent an Alcon für 12,9 Milliarden Dollar. Der Preis soll in Novartis-Aktien plus einer Barkomponente gezahlt werden.

Um den Widerstand der Alcon-Kleinaktionäre zu brechen, musste der Baseler Konzern damit seine ursprüngliche Offerte um knapp zwei Milliarden Dollar oder 15 Prozent aufstocken. Der Gesamtpreis für Alcon erhöht sich damit auf gut 51 Milliarden Dollar, beziehungsweise 48,5 Milliarden Dollar, wenn man den Cash-Bestand von Alcon abzieht. Das ist mehr als das Siebenfache des letzten Jahresumsatzes von Alcon. Die Börse reagierte gleichwohl positiv, da viele Analysten mit einem noch höheren Aufschlag gerechnet hatten.

Novartis hatte bis Anfang 2010 bereits 77 Prozent an Alcon vom früheren Mehrheitseigner Nestlé erworben. Ein Abfindungsangebot an die außenstehenden Eigner wurde damals jedoch von Kleinaktionären und dem Alcon-Verwaltungsrat abgelehnt.

Die vollständige Übernahme ist für Novartis wichtig, um das Augenmedizin-Unternehmen voll in die eigene Konzernstruktur zu integrieren. Alcon erzielte 2009 einen Umsatz von 6,5 Milliarden Dollar, dürfte im laufenden Jahr aber um zwölf Prozent zulegen. Hauptprodukte des Konzerns mit Sitz in Hünenberg/Schweiz sind Medikamente und Chirurgiegeräte für die Augenmedizin sowie Kontaktlinsen. Novartis ist in dem Bereich ebenfalls mit Kontaktlinsen (Ciba-Vision) und mit dem Augenmedikament Lucentis vertreten. Der Konzern hofft nun, durch die Kombination der Geschäfte in einer neuen Sparte mit rund 8,7 Milliarden Dollar Jahresumsatz das Wachstum zu beschleunigen und die Effizienz zu verbessern. "Die Wachstums-Synergien sind erheblich", so Novartis-Chef Joseph Jimenez.

Die Alcon-Übernahme - eine der größten Pharmatransaktionen der letzten Jahre - ist Teil einer ausgeprägten Diversifikations-Strategie. In deren Rahmen leistete sich der Baseler Konzern im vergangenen Jahrzehnt bereits eine ganze Serie kleiner und mittelgroßer Zukäufe. Unter anderem erwarb er den deutschen Generikahersteller Hexal und den amerikanischen Impfstoffproduzenten Chiron. Bezieht man Alcon voll in den Konzernumsatz mit ein, wird das klassische Pharmageschäft mit Originalmedikamenten künftig nur noch etwas mehr als die Hälfte der Erlöse liefern, der Rest stammt aus anderen Segmenten des Gesundheitsmarktes.

Dem Kurs von Novartis folgen inzwischen auch andere Pharmakonzerne, die zuvor noch ganz auf das klassische Medikamentengeschäft setzten. Pfizer und Sanofi-Aventis etwa versuchen ihr Geschäft mit patentfreien und freiverkäuflichen Arzneien sowie anderen Gesundheitsprodukten zu verstärken. Ferner wächst das Interesse an spezialisierten Biotechfirmen. Mit dem Übernahmeversuch beim US-Biotechunternehmen Genzyme etwa versucht Sanofi-Aventis in das Geschäft mit Medikamenten gegen seltene Erbkrankheiten vorzudringen. Auch die Tiermedizin gilt teilweise wieder als attraktives Gebiet. Die Pharmariesen versuchen auf diese Weise, ihre Risiken breiter zu streuen. Denn das Geschäft mit Originalmedikamenten für die Allgemeinmedizin, das in der Vergangenheit stets die üppigsten Erträge abwarf, entpuppte sich in den letzten Jahren als extrem unsicher und bietet für die Mehrzahl der großen Pharmahersteller inzwischen kaum noch Wachstumsperspektiven. Das Hauptproblem besteht darin, dass aus den Forschungsabteilungen nicht genügend Neuentwicklungen kommen, um die Patentabläufe bei Altprodukten zu kompensieren. Preise und Umsätze geraten daher unter Druck. Einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zufolge setzen inzwischen drei Viertel aller Pharmamanager auf Diversifikation, um drohende Umsatz- und Ertragsdellen im Kerngeschäft auszugleichen.

Rating des Konzerns nicht in Gefahr

Der Trend schlägt sich in steigenden Preisen für kleinere Pharmaspezialisten und Gesundheitsfirmen nieder. Relativ zu ihren Erträgen werden sie deutlich höher bewertet als die etablierten Pharmakonzerne. Auch Novartis greift für die Expansion tief in die Tasche. Die Bewertung von Alcon bewegt sich in der Spitzengruppe vergleichbarer Transaktionen. Schon vor der Aufstockung der Offerte beurteilten Analysten den Zukauf als teuer.

Die Übernahme hat zudem Spuren in der Bilanz hinterlassen. Anstelle der früheren Netto-Cash-Position weist Novartis per Ende September eine Netto-Finanzverschuldung von rund 19 Milliarden Dollar aus. Durch den Kauf der restlichen Alcon-Anteile wird sie sich unwesentlich erhöhen, da Novartis den Preis überwiegend mit eigenen Aktien begleichen will. Das AA-Rating des Konzerns ist damit nicht gefährdet. Zudem gibt die hohe Ertragskraft Novartis Spielraum. Immerhin erwirtschaftet Novartis derzeit etwa zehn Milliarden Dollar frei verfügbaren Cash-Flow pro Jahr.

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