Produktion bei Volkswagen
Kostspielige Ingenieurskunst

Über viele Jahre werden bei VW Autos für den Ingenieur und Übervater Piëch gebaut und nicht für die Kunden. Nun ächzt der Konzern unter einem Motorenüberangebot, aufwendigen Teilen und dem Mangel an kundennahen Innovationen.
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Es war ein starker Auftritt: Zu seiner letzten Hauptversammlung als Volkswagen-Chef fuhr Ferdinand Piëch mit seinem Nachfolger Bernd Pischetsrieder am 16. April 2002 im nagelneuen Ein-Liter-Auto vor. Das anthrazitfarbene Gefährt erinnerte zwar an den Messerschmitt Kabinenroller aus den Fünfzigerjahren, doch technisch war das Automobil ein Leckerbissen. Das 3,56 Meter lange und 1,25 Meter breite Mobil verbrauchte nur winzige 0,89 Liter Sprit auf 100 Kilometer, der Einzylinder-Diesel beschleunigte das Auto und seine beiden Insassen auf 120 Kilometer pro Stunde.

Gebaut wurde das technische Wunderwerk nie. Pischetsrieder beerdigte das Projekt in aller Stille, denn das Sparmobil hätte selbst in einer Serienfertigung weit über 20 000 Euro gekostet. "Es war nur ein Marketinggag, der die hohe VW-Ingenieurskunst belegen sollte", kritisiert Ralf Kalmbach, bei der Unternehmensberatung Roland Berger für den Autosektor verantwortlich.

Das Schicksal des Ein-Liter-Autos ist symptomatisch für einen Konzern, in dem die Ingenieure das Sagen haben und wo die Produktentwickler zu selten fragen: Was will der Kunde? Was nutzt ihm? Über viele Jahre werden bei VW Autos für den Ingenieur und Übervater Piëch gebaut und nicht für die Kunden. "Statt ,Aus Liebe zum Automobil‘ hätte unser Slogan besser ,Der Kunde, das unbekannte Wesen‘ heißen müssen", beschwerte sich Bernd Osterloh, als er noch stellvertretender VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzender war. Denn hohe technische Leistungsfähigkeit bedeutet noch keinen Erfolg in der Disziplin Kundennutzen. Der war auch nur mäßig bei den Drei-Liter-Autos, die VW und Audi anboten: Im Konzern wenig geliebt, in der Anschaffung viel zu teuer und nur halbherzig vermarktet, verschwanden der dieselgetriebene Öko-Lupo (15 000 Euro) und der A2 (19 000 Euro) im vergangenen Jahr wieder von der Bildfläche.

Der Gedanke an pure Leistung, der Glaube an das technisch Machbare dominierten auch am anderen Ende der Leistungsskala den Konzern: Piëchs Bugatti-Traum aus 1 001 Pferdestärken. Bei der Entwicklung des PS-Monsters tauchten immer neue Probleme auf, die die Ingenieure beinahe in den Wahnsinn trieben. Statt sich um die Entwicklung von Polo, Golf oder Passat zu kümmern, brachte das 16-zylindrige Vehikel die Köpfe zum Rauchen.

Allein das siebenstufige Automatikgetriebe, das extra für den Veyron entwickelt wurde, kostet so viel wie ein Lamborghini aus dem gleichen Haus: 200 000 Euro. Herausgekommen ist eine Art automobiles Cruise-Missile, eine Lenkwaffe, die bei 400 Kilometer Höchstgeschwindigkeit in der Schrecksekunde noch 111 Meter zurücklegt. Die Entwicklung verschlang einen dreistelligen Millionenbetrag. Auch wenn alle 300 geplanten Fahrzeuge verkauft werden, verdient VW damit kein Geld.

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