Prozess
KPMG sieht sich von Siemens getäuscht

Im milliardenschweren Korruptionsskandal bei Siemens sieht sich die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG von mehreren früheren Managern des Konzerns hinters Licht geführt.

HB MÜNCHEN. Die Ex-Manager aus der Siemens-Festnetzsparte ICN hätten sich nach Erkenntnissen der KPMG zusammengetan, um sowohl Betriebs- und Steuerprüfer, als auch die interne Revision des Konzerns zu täuschen und Kontrollmechanismen zu umgehen, sagte ein KPMG-Mitarbeiter am Mittwoch als Zeuge im Siemens-Prozess vor dem Landgericht München I. Die KPMG dagegen habe ihre Prüf-Pflichten "vollumfänglich erfüllt". Es habe auch keinerlei Weisung seitens Siemens gegeben, etwaige Unregelmäßigkeiten zu übersehen.

Im Jahr 2003 hätten seine Kollegen dubiose Barzahlungen in Höhe von rund vier Millionen Euro nach Nigeria entdeckt, für die es keine Belege gegeben habe, sagte der Wirtschaftsprüfer. Darüber seien nicht nur der frühere Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger, sondern auch der Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates informiert worden. Neubürger habe sich seinerzeit auch bei ihm darüber beschwert, dass die Wirtschaftsprüfer "auf den Gängen" darüber sprächen, dass es bei Siemens Bestechungszahlungen gebe, sage der Wirtschaftsprüfer. Der Ex-Finanzchef habe ihn gebeten, den Dingen nachzugehen und sich mit dem damals zuständigen ICN-Bereichsvorstand darüber zu besprechen. Zudem habe Neubürger erklärt, die Siemens-Rechtsabteilung sei mit der Untersuchung der Vorfälle beauftragt worden. Die Prüfer hätten damit den Fall als "erledigt" betrachtet, weil sie annahmen, dass Siemens die Vorgänge "nicht unter den Teppich kehrt", sagte der KPMG-Mitarbeiter.

In den darauffolgenden Jahren seien dann stichprobenartig Provisionszahlungen unter die Lupe genommen, aber nichts mehr festgestellt worden. Mittlerweile sei aber klar, dass von den anfänglichen Barzahlungen auf Beraterverträge umgestellt worden sei. Als Beleg, dass die Prüfer getäuscht werden sollten, zitierte der Wirtschaftsprüfer eine E-Mail. Darin habe es geheißen: "Die KPMG sucht nach glatten Beträgen, bitte nur noch ungerade Beträge überweisen." Zugleich betonte der Zeuge: "Ich glaube nicht, dass es ein System Siemens gegeben hat."

Unterdessen fühlt sich der amtierende Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser nach seiner Zeugenaussage im Siemens-Prozess missverstanden. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa stellte er am Dienstagabend klar: "Es wurde vereinzelt gemeldet, ich hätte den Prüfungsausschuss mitverantwortlich gemacht für Versäumnisse in der Vergangenheit. Das war absolut nicht der Fall." Durch den Prüfungsausschuss sei die Aufklärung des Skandals um schwarze Kassen und dubiose Zahlungen überhaupt möglich geworden. "Der Prüfungsausschuss hat erst wesentliche Grundvoraussetzungen für die umfassende Untersuchung und die umfängliche Kooperation mit den Behörden geschaffen", ergänzte Kaeser.

In seiner Befragung vor Gericht hatte Kaeser unter anderem erklärt, dass es bereits im Jahr 2005 "rote Flaggen" gegeben habe, die auf Unregelmäßigkeiten in dem Konzern hingewiesen hätten. Anfang 2005 hatte der amtierende Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme den Vorsitz des Prüfungsausschusses des Aufsichtsrates übernommen. Bereits im August vergangenen Jahres war das Unternehmen einem Medienbericht entgegengetreten, wonach die frühere Konzernspitze einschließlich Cromme frühzeitige Hinweise auf Schwarzgeldkonten nicht ernst genug genommen habe. Der Prozess um Deutschlands größten Schmiergeld-Skandal wird an diesem Freitag (20. Juni) fortgesetzt. Angeklagt ist der 57 Jahre alte Reinhard S., der zum Prozessauftakt den Aufbau schwarzer Kassen sowie die Abwicklung dubioser Zahlungen eingeräumt hatte. Dem früheren ICN-Manager wird Untreue in 58 Fällen zur Last gelegt.

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