Qualitätsorientierte Entlohnung
Warnstreiks bedrohen VW–Sonderschichten

Dem deutschen Autobauer Volkswagen drohen Warnstreiks. Diese schließt die Gewerkschaft IG Metall nicht mehr aus. VW soll beim Tarifangebot deutlich nachbessern. Für den Wolfsburger Konzern kommt der Tarifstreit zur Unzeit - fährt VW doch etwa für den neuen Golf Sonderschichten.

HAMBURG. Der Streit um einen Tarifvertrag für die 90 000 westdeutschen VW-Beschäftigten könnte dem Autobauer einen Strich durch die geplanten Sonderschichten machen. "Montag ist der entscheidende Tag für eine Einigung. VW muss deutlich nachbessern", sagte Niedersachsens IG-Metall-Chef Hartmut Meine dem Handelsblatt. "Passiert das nicht, gibt es Aktionen und Warnstreiks." Spätestens Donnerstag würde Meine zufolge gestreikt. Auf die hohe Nachfrage nach Modellen wie dem Golf reagiert das Management mit Sonderschichten. Warnstreiks würden VW durch Produktionsausfälle teuer zu stehen kommen.

"Am Ende muss ein Paket aus den vier Komponenten Tarifentgelt, Altersteilzeit, Ausbildungspakt und Leistungsorientierung stehen", sagte Niedersachsens IG-Metall-Chef Hartmut Meine dem Handelsblatt. Der ausgelaufene VW-Entgelttarifvertrag sieht im Gegensatz zum Metalltarifvertrag keine von der Leistung abhängigen Teile vor. Der Verhandlungsführer der Arbeitnehmerseite fordert als Voraussetzung für eine Einführung "objektive Kriterien" wie Teamarbeit und Qualifizierung. "Wir wollen uns der Leistungsorientierung nicht verschließen", sagte Meine, "daraus darf aber kein Instrument der Disziplinierung werden." Die IG Metall beharrt darauf, dass ein solcher Entgeltbaustein von im Schnitt 100 Euro monatlich nur zusätzlich eingeführt werden soll - und nicht Tarifleistungen mindern darf, wie von VW vorgesehen.

Das Tauziehen um einen neuen Tarifvertrag für die sechs westdeutschen VW-Werke kommt Europas größtem Autobauer ungelegen. Während bei anderen Herstellern wie Daimler ein Viertel der Belegschaft kurzarbeitet, müssen die Wolfsburger nicht zuletzt dank staatlicher Abwrackprämien volle Auftragsbücher abarbeiten. Die Nachfrage nach den im Stammwerk gefertigten Modellen Golf und Tiguan will die VW-Spitze mit Sonderschichten befriedigen.

Die IG Metall weiß um die Zwangslage des Konzerns. "Wir gehen aus einer Position der Stärke heraus in die Verhandlungen", sagte Meine vor der vierten Tarifrunde am kommenden Montag. Die IG Metall fordert eine Übernahme des seit sieben Monaten gültigen Metalltarifvertrages. Die VW-Mitarbeiter bekämen dadurch 4,2 Prozent mehr Lohn.

Das Unternehmen will allerdings die Laufzeit eines neuen Vertrages von 18 auf 20 Monate verlängern. Unter dem Strich entspräche das einer Erhöhung von weniger als vier Prozent - aus Meines Sicht "eine Mogelpackung". Ausgerechnet der Konzern, "der trotz Autokrise am besten dasteht, möchte seine Mitarbeiter schlechter stellen", wetterte er. Autohersteller wie die VW-Tochter Audi und der Sportwagenbauer Porsche, den der VW-Konzern übernehmen will, haben den Metalltarif akzeptiert. Verhandlungskreise rechnen trotz der Drohgebärden mit einer Einigung bei VW. "Die Positionen sind nicht so weit voneinander entfernt", hieß es.

Einig sind sich beide Seiten bereits grundsätzlich über eine Verlängerung des Ausbildungspaktes, der 1 250 Ausbildungsplätze pro Jahr garantiert. Streitpunkt bleibt die Altersteilzeit: VW fordert einen finanziellen Beitrag der Beschäftigten, die Gewerkschaft lehnt das ab. VW stockte bislang den Nettolohn in der Phase der Altersteilzeit um rund 15 Prozent auf. Die Bundesagentur für Arbeit steuerte weitere 20 Prozent bei, sofern der Arbeitsplatz wieder besetzt wurde. Auch dieser Teil müsste nach dem Auslaufen der Förderung von Volkswagen getragen werden.

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur
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