Reaktor im „Blindflug“
Neue Kernkraft-Debatte nach schwedischer Panne

Die Betreiber der deutschen Atomkraftwerke behaupten, in ihren Anlagen könne sich ein Störfall wie im schwedischen Meiler Forsmark-1 nicht ereignen. Die Notstromversorgung ihrer Reaktoren sei anders konstruiert, argumentieren die Versorger. Der Umweltverband BUND will vom Gegenteil erfahren haben.

HB BERLIN. „Die ersten Analysen unserer sechs Atomreaktoren haben ergeben, dass ein Vorfall wie im schwedischen Forsmark ausgeschlossen werden kann“, sagte eine Sprecherin des größten deutschen Akw-Betreibers Eon Kernkraft am Freitag. Die deutschen Atomkraftwerke des Konzerns liefen weiter, und es sei nicht geplant, sie herunterzufahren. Eon betreibt unter anderem die Atomkraftwerke Isar 1 und 2, Brunsbüttel und Grohnde. RWE, Vattenfall Europe und EnBW erklärten ebenfalls, die Technik ihrer Anlagen unterscheide sich von dem Typ in Schweden.

In dem Reaktor Forsmark 1 war am 25. Juli die Stromversorgung zusammengebrochen. Nur zwei der vier Notstromversorgungslinien liefen an. In schwedischen Medienberichten hatte es geheißen, der Reaktor habe kurz vor der Kernschmelze gestanden. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA teilte am Freitag mit, die schwedischen Behörden hätten den Vorfall auf einer Skala von null bis sieben - sieben entspräche der höchsten Gefahrenstufe - als zwei eingestuft. Infolge des Störfalls wurden vier der insgesamt zehn Reaktoren im Land vom Netz genommen. Die übrigen Anlagen durften nach einer Überprüfung in Betrieb bleiben.

Der Umweltverband BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) will jedoch von ähnlichen Ausfällen der Notstromaggregate wie jetzt in Schweden im Februar 2004 und im Oktober 2005 im südhessischen Atomkraftwerk Biblis erfahren haben. Der BUND forderte ebenso wie die Umweltorganisation Greenpeace von der Bundesregierung, am Atomausstieg festzuhalten.

Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), die im Norden die Aufsicht über die von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel hat, kritisierte die Informationspolitik des Konzerns. Das Ministerium habe von dem Störfall aus der Presse erfahren, sagte sie.

Deutsche Atomkritiker verlangten, den Ausstieg aus der Kernkraft nicht länger in Frage zu stellen. „Es darf nicht darüber diskutiert werden, Akw-Laufzeiten zu verlängern“, forderte der umweltpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Marco Bülow. Hans-Josef Fell, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, forderte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, zu erzwingen, dass die Diskussion in ihren Reihen über längere Betriebslaufzeiten von Kernkraftwerken in Deutschland beendet wird.

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