Reduzierter Schadstoffausstoß
Zulieferer profitieren von der Klimadebatte

Die EU macht Druck und die Zulieferer freuen sich: Der verordnete Emissions-Sparzwang der Automobilbranche lässt die Hersteller von Bauteilen frohlocken – mit ihren Produkten werden die Flotten umgerüstet und ausgebaut. Warum Technologien wie Hybrid-Motoren erst jetzt und in Eile eingesetzt werden, bleibt derweil rätselhaft.

FRANKFURT. Die deutschen Zulieferer hoffen angesichts der CO2-Debatte auf ein Milliardengeschäft. Denn die Sparziele beim Kraftstoffverbrauch lassen sich bei Mercedes, VW und BMW nur mit neuer Technik von Unternehmen wie Bosch, ZF und Mahle erreichen. Die Zulieferer zeigen in Frankfurt stolz so viele neue Komponenten wie nie zuvor. Unweigerlich drängt sich die Frage auf, warum sie – wie etwa die Hybrid-Technik – erst jetzt eingesetzt werden.

„Das Kaufverhalten der Kunden hat sich noch nicht nachhaltig geändert“, erklärt Hans–Georg Härter, Chef von ZF Friedrichshafen, die mitunter zögerliche Haltung mancher Hersteller in der Vergangenheit. Noch sei der Trend zu kleineren verbrauchsarmen Fahrzeugen nicht voll durchgeschlagen. „Wir müssen gemeinsam mit unseren Kunden darauf achten, dass die Anschaffungskosten für die Autofahrer erschwinglich bleiben“, sagt Franz Fehrenbach, Chef des weltgrößten Automobilzulieferers Bosch.

Fehrenbachs diplomatische Formulierung hat seine Gründe. Jahrelang konnten sich fertig entwickelte Systeme nicht durchsetzen. Die Start-Stop-Automatik, die das Auto automatisch an der Ampel ausstellt und beim Gasgeben wieder startet, wäre schon vor Jahren für die A-Klasse von Mercedes in Frage gekommen. Aber Mercedes zögerte, die Technik in den Kleinwagen einzubauen. Vor dem Hintergrund der CO2-Diskussion und dem Vorpreschen von BMW bei Start-Stop ziehen die Stuttgarter jetzt nach.

Auf Geschäfte wie diese hoffen fast alle Zulieferer. Als Zauberwort elektrisiert das Thema „Downsizing“ die Branche. Ziel ist es dabei, bei Verkleinerung des Hubraums gleichzeitig mehr Leistung zu erzeugen und den Verbrauch zu senken. Das führt vor allem zu einer Sonderkonjunktur bei Mahle. „Downsizing erhöht die Anforderungen an das Material ungemein“, sagt Mahle-Chef Heinz Junker. Der Weltmarktführer bei Motorenteilen zeigt in Frankfurt selbstbewusst den Herstellern mit einem eigenen Motor, was alles möglich wäre.

Mit Aufladung, Abgaskühlung, und Reibungsoptimierung schafft der Drei-Zylinder-Motor mit nur 1,2 Liter Hubraum es immerhin auf 163 PS und verbraucht dabei ein Viertel weniger als herkömmliche Motoren mit gleicher Leistung. Motoren gelten bei den Autoherstellern häufig als eigene Kernkompetenz. Deshalb verzichtet Mahle aus Rücksicht auf die Beziehung zur Kundschaft darauf, einen solchen Motor selbst auf dem Markt anzubieten. Dennoch ist es ein Beispiel für das neue Selbstbewusstsein der Zulieferer. Auch einen noch sparsameren Zwei-Zylinder-Motor hält Junker für machbar. Mahle gehört schon heute zu einem der Gewinner der Klimadebatte. In diesem Jahr rechnet das Unternehmen mit einem Umsatzsprung um 15 Prozent auf fünf Mrd. Euro, wobei die Hälfte des Wachstums allerdings aus Akquisitionen stammt.

Bosch ist ebenfalls zuversichtlicher geworden und glaubt, das geplante Wachstum um fünf Prozent auf 46 Mrd. Euro Umsatz in diesem Jahr zu übertreffen. Auch ZF profitiert und rechnet mit einem Umsatzplus von acht Prozent auf 12,6 Mrd. Euro in diesem Jahr. ZF beliefert vor allem die Premiumhersteller.

Zu den Gewinnern der Umwelt-Debatte gehört auch Mann + Hummel. Die Beimischung von Biokraftstoffen und die sensible Einspritztechnik verlangen wesentlich aufwendigere Filtermethoden. „Das eröffnet uns Wachstumschancen“, betont der Chef des weltgrößten Filterherstellers, Dieter Seipler.

Goldene Zeiten sind für die Zulieferer dennoch nicht angebrochen. Die Hersteller sind in der CO2-Debatte massiv unter Druck geraten, die neuen Komponenten einzubauen. „Alles, was Sie da sehen, kostet viel Geld. Und es wird noch nicht klappen, dass der Kunde alles bezahlen will“, sagt Mercedes Produktionschef Reiner Schmückle. Im Umkehrschluss geraten die Margen bei Mercedes tendenziell unter Druck. Und dann wissen die Zulieferer nur zu gut, dass dieser Druck schnell bei ihnen ankommt. Trotz der Sonderkonjunktur einzelner Systemzulieferer sieht das Beratungsunternehmen Alix-Partners eine sinkende Profitabilität in der Branche. „Das akute Insolvenzrisiko hat sich vermindert, aber noch rund die Hälfte der Zulieferer ist grundsätzlich gefährdet“, schreiben die Berater in ihrer jüngsten Studie. Für Bosch, ZF und Mahle gilt das wohl nicht. Aber allein Mercedes musste im ersten Halbjahr angeschlagenen Zulieferern mit 82 Mill. Euro unter die Arme greifen.

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