Rick Wagoner sieht kein Ende der Rabattschlacht
GM-Chef Wagoner: „Wachstum ist der Schlüssel“

Rick Wagoner, der Chef von General Motors, sieht die Entwicklung seines Unternehmens in Deutschland optimistisch. Im Handelsblatt-Interview spricht er über falsche Defizitdebatten, richtige Rabattschlachten und neue Strategien.

Handelsblatt: Mr. Wagoner, in den USA nimmt der Rabattkampf bei Autos immer groteskere Formen an. Sie geben bei General Motors (GM) bei einigen Modellen mittlerweile kostenlos einen Computer dazu. Wie lange können Sie es sich noch leisten, Ihre Fahrzeuge zu verramschen?

Wagoner: Das mit den Laptops ist doch noch billig. Wenn das als Beigabe immer ausreichen würde, ginge es uns noch viel besser. Aber im Ernst: Ein US-Kunde reagiert auf ein gutes Angebot. Und nichts anderes machen wir, wenn wir ein Paket aus Computer und zusätzlichen Finanzierungshilfen schnüren. Dasselbe passiert doch auch in der europäischen Industrie. In Amerika machen wir es nur ein wenig anders.

Setzen Sie mit den hohen Nachlässen nicht aber die Ertragsbasis des gesamten Konzerns aufs Spiel?

Wir mögen nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen haben, aber hier sprechen die Ergebnisse für sich. Wie anders hätten wir nach den Terroranschlägen des 11. September den Fahrzeugabsatz stabilisieren sollen? Unsere Kampagne „Keep America rolling“ war ein großer Erfolg und hat die Leute wieder in unsere Showrooms gezogen. Tatsache ist: Seit wir unsere Rabattpolitik verschärft haben, ist bei uns der durchschnittliche Ergebnisbeitrag jedes verkauften Autos nach oben gegangen. Denn in der Regel nutzen die Kunden den Preisvorteil, um ein größeres und besser ausgestattetes Auto zu kaufen.

Doch Ihr Ertrag schrumpft. Im zweiten Quartal hat GM fast ausschließlich im Bankgeschäft Geld verdient. Der Verkauf von Autos brachte gerade mal noch 83 Millionen Dollar. Wie lange kann sich GM das noch leisten?

Wir haben lernen müssen, dass wir sehr wenig Erfolg damit haben, den amerikanischen Verbrauchern zu sagen, was Sie zu tun haben – und der US-Kunde möchte eben einen Deal machen.

Also wird der Rabattirrsinn kein Ende finden?

Die Rabatte werden sicher weiterhin auf hohem Niveau bleiben, wenngleich ich davon ausgehe, dass wir in den USA gerade den Höhepunkt sehen. Mit einer anziehenden Konjunktur müsste es machbar sein, die Kaufanreize zurückzufahren. In Europa ist das jedoch anders. Hohe Rabatte auf Neuwagen waren hier bislang kaum üblich, das wird sich ändern.

Wie optimistisch sind Sie für die Entwicklung der US-Wirtschaft?

Sehr optimistisch. Die fundamentalen Daten sind einfach gut. Die Investitionen ziehen wieder an. Besonders gut ist, dass die Produktivität in den vergangenen drei bis fünf Jahren durchschnittlich um fünf Prozent pro Jahr gestiegen ist. Das sind hervorragende Bedingungen für einen Aufschwung ...

... der aber, wie viele US-Ökonomen fürchten, keine zusätzlichen Arbeitsplätze schafft. Bei Ihnen in den USA ist ja sogar schon von einer „job loss recovery“, also von einem Aufschwung mit Verlust an Arbeitsplätzen, die Rede.

Das ist falsch gedacht. Alle Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass nur ein Produktivitätswachstum auch Arbeitsplätze schafft – möglicherweise nicht sofort, in der Tat, aber mittelfristig auf jeden Fall.

Aber exportieren Sie nicht inzwischen Arbeitsplätze, wie wir das auch aus Deutschland kennen?

Mit dieser Strategie haben wir in den 80er- und 90er-Jahren in den USA ungefähr 40 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Und das waren nicht nur die so genannten Wachstumsbranchen, sondern auch reife Industrien wie die Autobauer. Angesichts der großen Rolle, die die Industrie in Deutschland spielt, ist diese Entwicklung sicherlich auch hier interessant.

Wie schätzen Sie jetzt die Lage in Deutschland ein?

Ich habe den Eindruck, dass wir bei GM die Lage positiver beurteilen als viele deutsche Manager. Die Deutschen haben in den letzten Jahren viel gespart, das durchschnittliche Alter eines Autos ist deutlich gestiegen – gute Bedingungen für uns Autohersteller.

Wie beurteilen Sie den viel zitierten „Reformstau“. Schafft es Deutschland, die notwendigen Reformen einzuleiten?

Einige Anzeichen sind ermutigend. Es spricht für sich, dass in Deutschland eine offene Diskussion begonnen hat. Denn die deutsche Volkswirtschaft ist während der vergangenen Jahre zu steif und unflexibel geworden.

Wie lautet Ihr Rezept für Deutschland?

Wachstum ist unglaublich wichtig für die Wirtschaft – und Deutschland braucht einfach mehr Wachstum. Die Deutschen sollten sich deshalb darauf konzentrieren – und nicht auf ihr Defizit. Die Entscheidung etwa, die Ladenschlusszeiten in Deutschland zu verlängern, sollte dazu beitragen.

Was halten Sie von einer Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 40 Stunden?

Dieses Mehr an Flexibilität wäre tatsächlich eine Verbesserung. Und das natürlich ohne Lohnausgleich, um das ganze System wieder auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zurückzuführen.

Warum sind Sie so überzeugt davon, dass dieses Rezept funktionieren wird?

Die Deutschen müssen sich entscheiden. Wollen Sie ein immer größeres Stück an einem schrumpfenden Kuchen? Oder sehen Sie ein, dass der Kuchen wachsen muss, damit am Ende alle davon profitieren – Arbeitnehmer, Unternehmen und auch der Staat? Die Entwicklung in den USA ist doch der beste Beweis dafür, dass diese Gleichung aufgeht.

Aber gerade steigt das Haushaltsdefizit der USA wieder stark an.

Wachstum ist der Schlüssel, nicht eine Haushaltszahl. Nehmen Sie die gewaltigen Defizite in den USA zu Beginn der 90er-Jahre, die bis zum Ende des Jahrzehnts in einen Überschuss verwandelt wurden. Sie glauben doch nicht, dass das auf Grund einer strikten Haushaltsdisziplin geschah. Nein, es war das Wirtschaftswachstum, das die Haushalte saniert hat.

Wenn Sie für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland recht optimistisch sind, was erwarten Sie für Europa?

Wir gehen davon aus, dass GM in Europa im ungünstigsten Fall in diesem Jahr einen Verlust von 200 Millionen Dollar erwirtschaftet. Das ist zwar nicht optimal, aber schon eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorjahresverlust von mehr als 500 Millionen. Einige Faktoren haben sich 2003 nicht so gut entwickelt. An erster Stelle nenne ich die Wechselkurse zwischen Dollar, Euro, britischem Pfund und schwedischer Krone.

Opel hat eine lange Durststrecke hinter sich. Ist die Rückkehr in die Gewinnzone geschafft?

Das grundsätzliche Bild des Unternehmens hat sich deutlich verbessert. Es geht aufwärts. Aber es ist noch viel zu früh zu sagen: Die Arbeit ist schon geschafft. Es gibt noch eine Reihe von Faktoren, die derzeit für eine gewisse Unsicherheit sorgen.

Auch mit Saab, Ihrer zweiten europäischen Tochter, hatten Sie in den vergangenen Jahren wenig Freude.

Bei Saab haben wir eine Situation, die sich mit Opel überhaupt nicht vergleichen lässt. Deshalb muss es dort auch eine andere Lösung geben. Saab ist ein kleiner Hersteller, der sehr stark vom US-Markt abhängt. Saab hat sehr viel Umsatz in US-Dollar, aber keine Kosten in dieser Währung. Wir müssen also versuchen, mehr Modelle anzubieten und mehr bei Saab aus den USA selbst zu verkaufen, um das Verhältnis wieder ins Lot zu bringen.

Was heißt das konkret?

Das könnte bedeuten, zusätzliche Modelle, die speziell für den amerikanischen Markt entwickelt werden, auch dort zu bauen. Wenn Sie auf die Modellpalette der Schweden schauen, gibt es da noch Lücken, die wir mit neuen Produkten aus den USA füllen könnten. Saab muss sein Produktportfolio erweitern und seine Kostenstrukturen auf mehr Währungen verteilen. So steht der Saab 9.2 bereits auf einer Plattform, die in Japan gebaut wird.

Viel größeres Kopfzerbrechen dürfte Ihnen allerdings Fiat bereiten. Die Italiener bestehen weiter auf ihrer Option, Ihnen die übrigen Fiat-Auto-Anteile anzudienen. Gibt es Fortschritte in den Gesprächen mit Fiat?

Ich habe mir von Anfang an eine Regel zu Eigen gemacht, von deren Weisheit Sie gleich überzeugt sein werden: Ich rede nicht über den Vertrag mit Fiat und auch nicht über Gespräche mit Fiat-Managern. Unsere Vereinbarung sieht vor, dass der Fiat-Konzern ab nächstem Jahr die restlichen 80 Prozent seiner Autosparte an uns verkaufen kann. Falls es zu einer Änderung in diesem Passus kommen sollte, würden wir selbstverständlich darüber informieren.

Aber so viel dürfen Sie uns vielleicht verraten: Wann sind Sie das letzte Mal persönlich Fiat gefahren?

Das war im Frühjahr auf einer Teststrecke von Opel – und es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Es ist immer ein Vergnügen, ein europäisches Auto zu fahren.

Das Gespräch führten Joachim Dorfs, Carsten Herz und Stefan Menzel.

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