Rohstoffhandel
Die diskreten Kontrakte des Herrn Liu

Ein chinesischer Kupferhändler hat sich kolossal verspekuliert, gerade stehen muss dafür wohl der chinesische Staat. Die Geschichte von Liu Qibing offenbart große Mängel im Finanzsystem der Volksrepublik - und weckt Erinnerungen.

PEKING. Das Handy bleibt seit Wochen stumm. Die Wohnungstür im 10. Stock des Pekinger Apartment-Hochhauses öffnet sich auch nach mehrfachem Klingeln nicht. Und an seinem Schreibtisch in Schanghai, wo Liu Qibing sonst die Märkte studierte, ist der Kupferhändler schon lange nicht mehr gesehen worden. Nur zwei chinesische Malereien an der Wand geben vage Auskunft über den als „still und sehr intelligent“ beschriebenen Kunstliebhaber, der die Finanzwelt seit Wochen in Atem hält.

Nicht in Luft aufgelöst haben sich dagegen seine Terminkontrakte. Beim umfangreichen Handel des begehrten Rohstoffs scheint sich Liu kräftig verspekuliert zu haben. Und das im Namen des Volkes. Denn der jungen Mann war für das staatliche Reservenbüro RSB tätig. Damit droht nun Chinas Regierung „ein Verlust von Hunderten von Millionen Dollar“, heißt es in den staatlichen Medien.

Um die RSB-Zentrale, ein trister Betonklotz im Westen Pekings, weht seit Tagen ein kalter Novemberwind. Das Klima ist frostig. Und die obligatorische rote Fahne vor dem Haupteingang müsste am 21. Dezember wohl auf Halbmast wehen. Dann ist Zahltag, dann werden die Verträge des Händlers Liu fällig.

Liu soll vor Monaten bis zu 200 000 Tonnen Kupfer zum Preis von 3300 Dollar je Tonne verkauft und auf sinkende Preise am Kupfermarkt spekuliert haben. Der Trick bei diesen so genannten Leerverkäufen: Der Händler hat das Metall gar nicht, sondern leiht es sich für wenige Monate aus – hier vom chinesischen Staat. Bei Fälligkeit wird nachgekauft. Ist der Preis gesunken, bleibt ein Gewinn.

Doch diesmal ging die Rechnung nicht auf. Inzwischen kostet eine Tonne Kupfer mehr als 4400 Dollar. Statt des Gewinns zeichnet sich nun also bei anhaltend hohen Kupferpreisen ein satter Verlust ab. Die 300 Mill. Dollar, die Händler Liu zwischen 2002 und 2004 durch solche riskanten Kupfer-Deals in Chinas Staatskasse gespielt haben soll, dürften bald dahinschmelzen.

Liu ist keineswegs ein Draufgänger, er kannte sich gut aus. Der 36-Jährige, ein hochqualifizierter KP-Mann und schon seit 1990 bei der Reservenbehörde tätig, war für seinen Job eigens an der Londoner Metallbörse (LME) ausgebildet worden. „Er ist einer der besten Händler der Welt“, urteilt ein Analyst. Er sei es gewesen, der in den vergangenen Jahren den Bullenmarkt im Kupferhandel geschaffen habe – von seinem Büro im 9. Stock, im Herzen des Schanghaier Finanzviertels Pudong, gleich neben der Börse. Hier, zwischen den polierten Glaspalästen des neuen Chinas, soll er schon mal gern Marktstrategien diskutiert haben. Und wenn ihm jemand sagte, er solle seine riskanten Geschäfte lieber lassen, dann habe Liu nur gelacht. Doch sein Erfolg machte andere aufmerksam. Vor allem ebenso spekulative Anleger, internationale Hedge-Fonds, die nun in den Kupfermarkt investierten. In London betreiben diese Anleger – in China „Krokodile“ genannt – zur Zeit rund 70 Prozent des gesamten Handels, wie in der Branche gemunkelt wird.

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