Russland
Russland: Der Absturz eines Boom-Landes

Mit den weltweiten Rohstoffpreisen ist auch die russische Wirtschaft eingebrochen - allein im ersten Quartal sank das Bruttoinlandsprodukt um zehn Prozent. Das trifft auch deutsche Unternehmen. Ob Sportartikelhersteller, Einzelhandel oder Maschinenbau. Russlands Krise lässt die Umsätze schrumpfen.

DÜSSELDORF. "Auf nach Russland", hieß die Devise nach Ende des Eisernen Vorhangs. Lange Zeit profitierte Russland vom Rohstoff- und vor allem Ölpreisboom. Er kurbelte die Nachfrage und Investitionen ausländischer Unternehmen an. Ganz besonders deutsche Firmen wagten das Abenteuer im Osten und stillten dort den Hunger nach hochwertigen Industriegütern und Produkten des täglichen Bedarfs. Aber in diesem Jahr leidet Russlands Wirtschaft stärker denn je.

Anders als Boomländer wie China und Brasilien, die die Krise schon hinter sich lassen und mit Wachstumszahlen glänzen, koppelt Russland sich nicht von der weltweiten Rezession ab. Im ersten Halbjahr brach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um zehn Prozent ein, nachdem es zuvor acht Jahre lang mit mehr als sieben Prozent gewachsen war, selbst im Vorjahr noch um 5,6 Prozent zulegte.

Schuld an dem plötzlichen Absturz ist die immer noch immense Abhängigkeit von Rohstoffen. Deren Preise sind um mehr als die Hälfte eingebrochen, woraufhin die Börse mit ihren vielen rohstofflastigen Unternehmen drei Viertel an Wert verlor. Investoren zogen ihr Kapital ab, wodurch der Rubel unter Druck kam. Trotz milliardenschwerer Stützungskäufe der Moskauer Zentralbank verlor der Rubel zum Euro binnen eines Jahres 22 Prozent, zum Dollar sogar mehr als ein Viertel.

Die Abwärtsspirale trifft russische Unternehmen, die sich überwiegend in Dollar und Euro verschuldet haben, und Konsumenten, die sich die teuren Produkte aus dem Westen nicht mehr leisten können. Und damit verunsichert sie viele deutsche Konzerne, die in Russland aktiv sind. "Vor allem für kurzfristige Geschäfte beantragen deutsche Firmen mehr Exportgarantien als in normalen Zeiten", sagt Stefan Peters von der Euler Hermes Kreditversicherungs AG für die Exportkreditbürgschaften des Bundes. Statistiken für das erste Halbjahr 2009 gibt es noch nicht. Dass bei langfristigen Projekten die Nachfrage derzeit sinke, erkläre sich keineswegs mit besseren Wirtschaftsperspektiven. Vielmehr gebe es derzeit kaum Investitionsmöglichkeiten. Das schmälert den Bedarf an Bürgschaften.

Auch Unternehmen, die bereits in Russland Fuß gefasst haben, spüren die Konjunkturkrise und den Rubelverfall. Beispiel Metro: Jahr für Jahr kompensierte der Handelskonzern die chronisch schwache Nachfrage in der Heimat mit dem Ausbau seines Auslandsgeschäfts. Metro folgte dem Ruf seiner Investoren und dem Boom in Russland und eröffnete etliche MediaMarkt- und Saturn-Filialen. Nun bleiben die gewohnten Umsatz- und Gewinnsteigerungen aus, weil sich russische Verbraucher die Waren kaum noch leisten können. Obendrein schmälert der schwache Rubel Metros Erträge in Euro.

Selbst der erfolgsverwöhnte Energieriese Eon kann sich der Schwäche nicht entziehen. Der 4,6 Mrd. Euro teure Kauf des sibirischen Stromproduzenten OGK-4 zahlt sich bislang nicht wie erhofft aus. Erst funktionierte die Integration nicht reibungslos und nun verbraucht die russische Industrie wegen der Rezession weniger Strom. Investoren argwöhnen, dass Eon womöglich noch Abschreibungen beim Goodwill von OGK-4 vornehmen muss, also dem Betrag, den Käufer bei Übernahmen über den eigentlichen Wert des neu bewerteten Nettovermögens hinaus bezahlen. Das würde Eons Nettogewinn zusätzlich schmälern. Schon die Spekulation darauf reicht aus, um den Aktienkurs seit Monaten zu drücken.

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