Schäden nach Hurrikan „Rita“ geringer als befürchtet
US-Ölindustrie hofft wieder auf Normalität

In Texas hat sich die Lage nach dem Wirbelsturm „Rita“ leicht entspannt. Zehntausende Flüchtlinge kehrten gestern nach Houston zurück. An den Haupt-Autobahnen I-45 und I-10 standen allerdings immer noch Autos, denen bei der großen Evakuierungswelle am vergangenen Wochenende der Sprit ausgegangen war.

AUSTIN. Während die Müllabfuhr in der Millionenmetropole wieder funktioniert, waren viele Tankstellen noch geschlossen, weil sie von den Raffinerien im Hurrikan-Gebiet keinen Nachschub bekamen. Darüber hinaus waren viele Haushalte noch ohne Strom.

Insgesamt fiel die Schadensbilanz nach „Rita“, der am Samstag mit Stärke drei über die US-Golfküste hinweggefegt war, erheblich geringer aus als befürchtet. Zwei Menschen starben durch die direkte Einwirkung des Wirbelsturms. Rückversicherer rechnen mit Gesamtschäden von 2,5 bis sechs Mrd. Dollar. Das ist weniger als ein Drittel des Volumens nach dem Hurrikan „Katrina“, der vor rund einem Monat 1 000 Menschenleben gefordert und New Orleans überflutet hatte.

Auch die Situation auf dem Energiemarkt dürfte sich in den kommenden Tagen weiter entkrampfen. So plant der Konzern Exxon Mobil, seine Raffinerie in Baytown östlich von Houston in den nächsten zwei bis drei Tagen wieder anzufahren. In der größten Raffinerie der USA können pro Tag 564 000 Barrel Rohöl zu Benzin, Dieselkraftstoff und Heizöl verarbeitet werden.

„Rita hat bei uns keine ernsthaften Schäden angerichtet“, sagte Exxon-Sprecherin Jeanne Miller. „Wir verfügen über ausreichend Wasser und Elektrizität zur Wiederaufnahme der Produktion.“ Jetzt warte man noch darauf, dass der Hafen von Houston wieder geöffnet werde, so die Sprecherin. Das Werk sei am vergangenen Freitag abgeschaltet worden, weil Meteorologen zuvor ein Worst-Case-Szenario für einen Wirbelsturm der schlimmsten Kategorie fünf entworfen hatten, der Houston treffen sollte. Tatsächlich verlief „Ritas“ Bahn dann aber weiter östlich.

Von den vier Exxon-Raffinerien an der Golfküste arbeite derzeit nur die Anlage in Baton Rouge im Bundesstaat Louisiana, erklärte Miller. Insgesamt wurden vor „Rita“ 18 Raffinerien geschlossen. Unklar war gestern, wann die 666 vorübergehend stillgelegten Ölplattformen auf hoher See ihre Arbeit wieder aufnehmen. Rund 28 Prozent der amerikanischen Raffineriekapazität sind an der hurrikangefährdeten Golfküste konzentriert. Infolge der relativ geringen Zerstörungen durch „Rita“ waren die Benzinpreise in den vergangenen Tagen bereits gesunken. Auch die geringere Nachfrage sorgte für eine Entlastung an der Preisfront.

Im Vergleich zum desaströsen Katastrophenmanagement nach „Katrina“ waren die US-Behörden auf die neue Bedrohung offensichtlich wesentlich besser vorbereitet. Sowohl der Gouverneur von Texas als auch etliche Bürgermeister hatten drei Tage, bevor der Wirbelsturm erwartet wurde, drei Millionen Menschen zur Zwangsevakuierung aufgefordert. Weil die meisten Bürger dem Appell folgten, kam es zu einem Verkehrsinfarkt und Mega-Staus von bis zu 160 Kilometern Länge. „Natürlich gab es Engpässe und Störungen“, sagte George Friedman, Chef von Stratfor, einer Informationsverarbeitungsfirma in der texanischen Hauptstadt Austin. „Aber bei einer Evakuierung von drei Millionen Menschen lässt sich das nicht vermeiden.“ Einzelne Politiker warnten aber vor Chaos im Falle einer Terrorattacke: „Der Albtraum entsteht, wenn im Falle eines Anschlags auf eine US-Großstadt Millionen Menschen ohne Vorwarnung in Sicherheit gebracht werden müssen“, sagte der demokratische Senator Joe Lieberman.

Zentralregierung, Bundesstaaten und Kommunen arbeiteten vor und nach „Rita“ Hand in Hand, größere organisatorische Pannen blieben aus. Insgesamt unterstützten rund 50 000 Soldaten und Nationalgardisten die lokalen Polizeieinheiten. Präsident George W. Bush sprach sich unterdessen für eine größere Rolle des Militärs bei künftigen Naturkatastrophen aus. Er wolle sich im Kongress um eine entsprechende Änderung der Gesetze bemühen.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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