Stellenabbau geplant
Heißer Empfang für den VW-Vorstand

Seit Freitagabend flackert das Streikfeuer im Brüsseler Vorort Forest. Die belgischen Arbeiter befürchten, dass sie die Leidtragenden der VW-Krise sein könnten und zum Bauernopfer der Vereinbarung zwischen VW und der IG Metall werden.

BRÜSSEL. Dick eingepackt in Pullover und grüne, von der Gewerkschaft gespendete Regenmäntel halten ein Dutzend VW-Mitarbeiter vor dem Werkstor im Brüsseler Vorort Forest die Stellung. Sie haben ein paar Holzpaletten angezündet. Die Flammen kämpfen gegen den Dauerregen. Seit Freitagabend flackert das Streikfeuer. Die belgischen VW-Arbeiter befürchten, dass sie die Leidtragenden der VW-Krise sein könnten. Zu unrecht, wie ein Arbeiter glaubt: „Wir sind eines der produktivsten Werke in Europa. Es wäre unfair, gerade unsere Fabrik dicht zu machen.“

Soweit wird es wahrscheinlich auch nicht kommen. Auch wenn sich VW alle Optionen offen lässt und gestern lediglich mitteilte, dass eine Werksschließung nicht „beabsichtigt“ sei. Gleichwohl kündigte der Konzern eine Restrukturierung an. Übersetzt heißt das: Arbeitsplatzabbau. Auf eine Zahl will sich die Konzernleitung nicht festlegen. Erst sollen ab heute Gespräche mit den belgischen Vertretern geführt werden.

Rund 6 000 Beschäftigte arbeiten in Forest. Einst lief hier der VW Käfer vom Band. Heute werden jährlich rund 200 000 Autos produziert und zwar ausschließlich das Modell Golf. Und das soll – zumindest nach dem Willen der Gewerkschaften, aber auch der belgischen Politiker – so bleiben. „Unser Stadtteil hätte ohne VW keine Zukunft. Wir sind völlig von diesen Arbeitplätzen abhängig“, sagte Corinne de Permentier, Bürgermeisterin von Forest beim Solidaritätsbesuch der durchnässten Streikenden.

Die Arbeiter sind bisher relativ ruhig geblieben, nur die Straße vor dem Werk hatten sie am Wochenende für einige Stunden mit Barrieren blockiert. „Die Menschen sind nicht wütend, aber sehr beunruhigt. Die Entscheidung über unser Werk wird immer wieder verschoben. Das macht die Leute wahnsinnig“, sagt Manuel Castro, der bei der belgischen Gewerkschaft FTGB für den Automobil-Sektor zuständig ist. Er geht davon aus, dass der Streik erst einmal weiter gehen wird, „bis wir eindeutige Informationen aus Wolfsburg bekommen“. Mit einer Werkschließung hatte er von vornherein nicht gerechnet.

Vermutlich soll VW-Produktionsvorstand Reinhard Jung mit den Belgiern verhandeln. Er muss sich auf einen unfreundlichen Empfang gefasst machen. Denn nicht nur die Arbeiter sind wütend auf die Konzernzentrale in Wolfsburg. Ungewöhnlich hart fällt auch die Kritik der belgischen Politiker aus.

„Das ist eine fürchterliche Geschichte. Wir haben viel für die Automobilindustrie getan und Volkswagen entscheidet nun nach nationalen Gesichtspunkten“, sagte der belgische Arbeitsminister Johan Vande Lanotte. Der belgische Premierminister Guy Verhofstadt warnte VW durch die Blume, sich nicht nur von „nationalen Überlegungen“ leiten zu lassen.

Alle befürchten, die belgischen Arbeiter könnten zum Bauernopfer der Vereinbarung zwischen VW und der IG Metall werden. Um die Kosten in Wolfsburg, wo ebenfalls hauptsächlich der Golf gebaut wird, zu senken, hatten sich die Verhandlungsparteien im September auf längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich verständigt. Die dadurch steigenden Kapazitäten müssen woanders abgebaut werden.

Vor den Werkstoren von Forest wird daher hart mit der IG Metall ins Gericht gegangen. „Wir haben schließlich keinen direkten Einfluss auf die Entscheidungen, die in Wolfsburg fallen“, sagte Gewerkschaftler Manuel Castro. Doch nicht nur bei VW stehen die Zeichen auf Sturm. Am Freitag will auch noch Opel entscheiden, ob im Antwerpener Werk Stellen gestrichen werden.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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