Tchibos Vetorecht erschwert Verkaufsgespräche
Ringen um Beiersdorf hält alle in Atem

Die schöne Braut Beiersdorf müsste sich eigentlich wohl in ihrer Haut fühlen. Wird sie doch mit Begriffen wie „Perle“, „Zierde“, „Cashbringer“ und „attraktives Investment“ bezeichnet. Manager und Mitarbeiter des Hamburger Konsumgüterproduzenten können den Ruhm aber nicht genießen, da die Selbstständigkeit auf dem Spiel steht.

vwd HAMBURG. Verkauft die Großaktionärin Allianz AG ihre 43,6-prozentige Beteiligung an einen Mitbewerber, scheint eine Zerschlagung unabwendbar. Dies ginge einher mit dem Verlust vieler Arbeitsplätze und der Schwächung des Wirtschaftsstandortes Deutschland. So blicken alle auf Tchibo als mögliche Retterin.

Das Hamburger Kaffeeimperium würde liebend gern ihren Beiersdorf-Anteil von 30,36 Prozent auf mehr als 50 Prozent aufstocken. Allerdings wurde mit der Verkäuferin noch keine Einigkeit über den Preis erzielt. Während die als sparsam bekannten Tchibo-Eigner nur so viel Geld ausgeben wollen, wie der Markt hergibt, hofft die Allianz auf eine Paketprämie. So liegen zwischen dem aktuellen Beiersdorf-Kurs von rund 115 Euro und dem in Kreisen genannten Allianz-Wunsch zwischen 140 Euro und 160 Euro Welten. Gerüchten zufolge soll Procter & Gamble bereit sein, zu diesem Preis zu kaufen.

Tchibos Vetorecht erschwert Verkaufsgespräche

Dieses Investment des US-Konzerns würde sich aber nur auszahlen, wenn eine Einigung mit Tchibo erzielt wird. Die Mehrheit an Beiersdorf nützt nichts, wenn die Minderheitsaktionärin bei strategischen Entscheidungen ein Vetorecht hat und so die Filetierung verhindern kann. Da ist es auch egal, ob die Familie Claussen, Nachfolger des Beiersdorf-Gründers Troplowitz, ihre Beteiligung von weniger als zehn Prozent, die auf mehrere Mitglieder verteilt ist, Beiersdorf-Aktien verkauft oder nicht. Außerdem stellen Tchibo-Vertreter und Beierdorf-Mitarbeiter die Mehrheit im Aufsichtsrat und entscheiden beispielweise über die Besetzung des Vorstandes.

Trotzden wirken sich im Markt Gerüchte über das nicht nachlassende Interesse der Procter & Gamble Co, Cincinnati, auf die Aktienkurse aus - selbst wenn Analysten gebetsmühlenartig auf diese seit Monaten nicht veränderte Problematik hinweisen. Das US-Unternehmen wird sich spätestens vor dem Einkauf bei Wella mit dem deutschen Aktienrecht vertraut gemacht haben. Alle anderen Unternehmen, die sich dem Vernehmen nach ebenfalls auf Brautschau befinden, hätten die gleichen Schwierigkeiten, egal ob Henkel, Unilever, L'Oreal, Johnson & Johnson, Kado. Sie werden als Bewerber genannt, oft ohne Berücksichtigung ihrer finanziellen Möglichkeiten.

Tchibo kann indes eine Anteilsaufstockung finanzieren - selbst nach Auszahlung von Daniela und Günther Herz. Da die Holding den anderen Aktionären wegen ihrer bereits bestehenden Beteiligung kein Übernahmeangebot machen müsste, käme sie sowieso günstiger weg als andere. Der kurz vor der Tchibo-Hauptversammlung ins Licht der Öffentlichkeit geratene Streit der Herz-Geschwister Michael, Wolfgang und Joachim darf beim Werben um Beiersdorf als Nebenschauplatz bezeichnet werden.

Tchibo-Mehrheitsgesellschafter sind die beiden Erstgenannten und die haben ihre Zukaufspläne mitteilen lassen. Familienzwist und Befindlichkeiten rücken in den Hintergrund.

Ob sich Joachim Herz aus der Holding irgendwann herauskaufen lassen wird oder nicht, wird sich nicht auf die Verhandlungen mit der Allianz auswirken. Auch die Frage, was Günther und Daniela Herz mit ihrem Geld machen, kann in diesem Zusammenhang vernachlässigt werden, denn die Beiersdorf-Beteiligung wird von der Holding gehalten. Nur wenn diese den Verkauf ihrer Beiersdorf-Aktien beschließen sollte, entstünden neue Rahmenbedingungen. Hiervon ist gegenwärtig aber nicht die Rede.

Die Bayern dürften allerdings froh sein, dass sich die Reihe der Tchibo-Eigner um Daniela und Günther gelichtet hat, da das Verhältnis zwischen Allianz-Vorstand Paul Achleitner und Günther Herz dem Vernehmen nach nicht sehr konstruktiv gewesen sein soll. Ob allerdings persönliche Befindlichkeiten bei einem solchen Geschäft die entscheidende Rolle spielen, wird im Markt bezweifelt.

Kein Zweifel besteht indes daran, dass sich die Allianz von Beiersdorf trennen will. Man sagt dem Vorstand sogar nach, dieses Kapitel bis zum Jahresende schließen zu wollen. Und der jüngst gemeldete Verkauf anderer Industriebeteiligungen weist in diese Richtung. Allerdings wird der Allfinanzkonzern wohl kaum auf Millionen verzichten, nur weil Silvester vor der Tür steht. Und ob sich die AG eher ihren Anteilseignern oder dem Wirtschaftsstandort Deutschland verpflichtet fühlt, vermag auch niemand zweifelsfrei zu sagen.

Ersteres spräche für einen hohen Verkaufserlös, letzteres für einen Verkauf an Tchibo oder einen anderen Aktionär, der Beiersdorf wie bisher in Eigenregie arbeiten lässt.

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