Typzulassungen
Ungeahnte Tricksereien im Kältemittel-Streit

Pariser Richter haben über den Kältemittel-Streit mit Daimler beraten. Mit Toyota schafft aber ein weiterer Autobauer Fakten: Die Japaner setzen auf eine fremde Typzulassung, um das alte Mittel nutzen zu können.
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ParisNächster Akt in Paris: Vor dem obersten Verwaltungsgericht hat am Freitag das Verfahren im Kältemittel-Streit zwischen Frankreich und dem Autobauer Daimler begonnen. Frankreich hatte einen Zulassungstopp für Mercedes-Modelle mit dem alten Kältemittel R134a in der Klimaanlage verhängt, das klimaschädlich ist. Daimler will erreichen, dass diese Blockade mit sofortiger Wirkung aufgehoben wird. Das neue Kältemittel 1234yf gilt als leicht entflammbar und damit gefährlich, einige Autohersteller füllen es daher nicht in ihre Neuwagen. Daimler hatte, ebenso wie das Kraftfahrtbundesamt, in Crashtests festgestellt, dass das neue Kältemittel Testwagen in Flammen setzte und sich ätzende Flusssäure bildete. Daraufhin entschied sich der Autobauer, weiter (das alte) R134a zu nutzen.

Die französischen Behörden werfen dem deutschen Autokonzern eine unzulässige Umgehung von EU-Umweltvorschriften vor. Nach einer rund zweistündigen Verhandlung kündigte das oberste Verwaltungsgericht eine Entscheidung für Dienstag an. „Es steht viel auf dem Spiel“, sagte der Vorsitzende Richter Jacques-Henri Stahl. Der Rechtsstreit berühre sowohl nationale als auch europäische Rechtsfragen.

Daimler ist unter Verkaufsdruck geraten, denn mehrere Tausend Fahrzeuge der A-, B- oder CLA-Klasse können derzeit in Frankreich nicht ausgeliefert werden – viele sind aber bereits von den Kunden bezahlt. Ein Daimler-Anwalt nannte die Entscheidung vor dem Gericht am Freitag „brutal“. 60 Prozent der Verkäufe von Mercedes in Frankreich seien betroffen. Daimler gab sich optimistisch: „Nach der von uns vorgetragenen Faktenlage sind wir zuversichtlich, dass das Gericht unsere Rechtsauffassung bestätigt und die Zulassungsblockade in Frankreich aufheben wird“, sagte ein Unternehmenssprecher.

Während in Paris heiß über die Kühlsubstanz diskutiert wird, ist der Streit um eine bizarre Note reicher. Um das alte Kältemittel R134a auch in Neuwagen einsetzen zu dürfen, arbeiten die Hersteller schon länger mit dem Trick einer zweiten Typgenehmigung. Ein Auto ist dann nicht neu, sondern wird lediglich zu einer Abwandlung eines Vorgängermodells. Damit dürfen die Autobauer R134a bis Ende 2016 in ihren Wagen nutzen.

Toyota treibt dieses trickreiche Verfahren, dass auch Mercedes-Benz und Volkwagen anwenden, jetzt auf die Spitze. Die Japaner gaben am Donnerstag bekannt, wegen des Streits in Europa wie Daimler zum alten Kühlmittel zurückgekehrt zu sein. Die Umstellung der Produktion sei im Frühsommer abgeschlossen worden, die ersten Autos mit R134a kommen in Deutschland gerade in den Handel. Doch um den Einsatz des gelegentlich als „Killer-Kältemittel“ bezeichneten 1234yf vermeiden zu können, greift Toyota bei einem Modell noch tiefer in die Trickkiste.

Da es vor dem neuen GT86 keinen Sportwagen mit Boxermotor in Toyotas Historie gab, nutzen die Japaner die Typzulassung eines anderen Herstellers. So hat Toyota den GT86 einfach als technischen Nachfolger des Subaru BRZ gekennzeichnet, wie die „Auto Bild“ in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet. Vorgänger des Toyota GT86 könnte damit beispielsweise der Subaru Impreza 22B-STI sein, ein Coupé mit Boxermotor aus dem Jahr 1998. Toyota hält eine Minderheitsanteil an der Subaru-Mutter Fuji Heavy Industries, die Autobauer kooperieren und entwickeln zusammen Modelle. Subaru hingegen nutzt weiter das neue Kühlmittel – eine Umstellung ist nicht geplant.

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Ungeahnte Tricksereien im Kältemittel-Streit

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Wenige Autos mit neuem Kühlmittel auf deutschen Straßen

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  • Was ist zu erwarten?

    M.E. Nichts Anderes, als dass der "Schwarze Peter" nach Brüssel geschoben wird. Logisch Sites zudem.

    Brüssel ordnet an und die Nationalstaaten setzen um. Wäre dies nicht so, hätte Brüssel keine Staatsgewalt. Jede andere Entscheidung wäre die erste Entscheidung dafür, dass den Anordnungen aus Brüssel keine Folge mehr zu leisten ist.

    Brüssel, d.h. die EU wäre im Untergang. Deshalb geht es bei deser Entscheidung nicht um ein Kühlmittel, sondern um alles.

    Daimler dürfte den europäischen Gerichtshof in der Berufung anrufen, der sachlich nicht anders entscheiden wird. Damit dürfte dann die echte Schlacht von Brüssel gegen die nationalen Völker, bzw. die Völker gegen Brüssel und die Politiker schlechthin eingeleitet werden.

    Dann dürfte sich der Kreis langsam schließen. Aus deutscher Sicht denken wir an den Vorratsbeschluss "Einsatz der Bundeswehr im Innern", Erfassung und Speicherung von Abhörinformationen in der Zusammenarbeit NSA/BND, Einsatz von Kampfdrohnen zur "Terrorbekämpfung" auf Basis der gesammelten Handykoordinaten.

    Warten wir ab, was Spekulation und was Wahrheit aus dem gezeichneten Bild wird.

  • Wetten, daß der Franzmann nicht im gleichen Maße gegen die Japaner vorgeht, und wenn sie noch so sehr tricksen?
    Europa ist schon toll. Was ist Europa?
    Europa ist, wenn Deutschland zahlt. Und die anderen draufhauen dürfen.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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