Ungleiche Löhne
Neue Klassengesellschaft

Seit fast drei Wochen befinden sich die Telekom-Mitarbeiter im Ausstand. Ihr Streik zeigt, was Globalisierung und Marktöffnung in den Unternehmen erzwingen: ungleiches Gehalt für gleiche Arbeit - und das Ende des Einheitsbeschäftigten an Schreibtisch und Werkbank.
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Carl-Theodor-Straße, Ecke Königsallee in der Düsseldorfer City. Wo sonst Obdachlose mit ihrem Einkaufswagen unter dem Vordach des hässlichen Waschbetongebäudes kampieren, steht eine Biergartengarnitur. Auf den Bänken sitzen Männer und Frauen, vor sich Plastikbecher mit Kaffee aus Thermoskannen. Am Straßenrand flattern die rot-weißen Fahnen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: "Dieser Betrieb wird bestreikt." Tagelanger Arbeitskampf bei der Deutschen Telekom - zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte im ganzen Land.

Der Zorn der Mitarbeiter richtet sich gegen einen Plan, den das jahrelange Selbstverständnis der Telekom in den Grundfesten erschüttert. 50 000 Beschäftigte sollen nach dem Willen von Vorstandschef Rene Obermann das schützende Konzerndach verlassen und in eine zu gründende Billigtochter im zugigen Vorgarten des Magenta-Riesen wechseln. In dieser rechtlich selbstständigen Servicegesellschaft sollen sie nicht nur vier Stunden länger pro Woche arbeiten, sondern auch neun Prozent weniger Fixgehalt verdienen. Andernfalls, so befürchtet Obermann, verliere die Telekom im Festnetzgeschäft in den kommenden vier Jahren weitere rund sechs Milliarden Euro Umsatz.

Der ehemalige Telefon-Monopolist leidet wegen seiner höheren Personalkosten zu sehr unter seinen aggressiven Konkurrenten. Allein im vergangenen Jahr wechselten rund zwei Millionen Kunden zu den teilweise deutlich preiswerteren Mitbewerbern. Um den Exodus zu stoppen, will Obermann die Personalkosten um 900 Millionen Euro in Richtung Konkurrenzniveau senken, notfalls sogar durch den Verkauf der Telekom-Servicecenter.

Von wegen gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Guten Morgen Telekom, guten Morgen Deutschland. Nach vergleichsweise gemütlichen Jahrzehnten sicherer Märkte, geschützter Beschäftigung und eingespielter Rituale auf dem Arbeitsmarkt schlagen nun Globalisierung und Deregulierung bis zum Schreibtisch und zur Werkbank durch. Wie schnell und auf welchem Weg Telekom-Chef Obermann sein Ziel auch erreicht: Vorbei ist die Zeit, dass vor dem Lohnbüro Arbeiter gleich Arbeiter, Angestellter gleich Angestellter und Beamter gleich Beamter ist. Neue Player und Billiganbieter aus allen Regionen der Welt erzeugen einen solchen Druck auf die Personalkosten, dass - gleich in welcher Branche - der Sog nach unten unbegrenzt scheint.

Ob Auto- oder Chemieindustrie, Bau oder Chipfabrik, in Luftfahrt oder Einzelhandel, Nahverkehr oder Krankenhaus - am liebsten würden die Unternehmen in dieser Situation einfach den tiefstmöglichen Lohn ausloten. Wären da nicht streikende Gewerkschafter und gesetzliche Privilegien, unüberwindbare Standortbedingungen und Flächentarifverträge. In dieser Situation bleibt den Unternehmen praktisch nur, schrittweise in den eigenen Reihen den Einheitsbeschäftigten abzuschaffen. Von wegen gleicher Lohn für gleiche Arbeit und "reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront", wie einst Bertolt Brecht dichtete. Der Trend in den Betrieben geht zur Mehrklassengesellschaft: aus teuren alteingesessenen und billigen neuen Mitarbeitern, aus Stammbelegschaften und ausgeliehenen Leuten, aus Vollzeit- und Teilzeitkräften, aus Minijobbern und Subunternehmern.

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