Verwendungszweck gesucht
Nach Lummus-Verkauf schwimmt ABB im Geld

Vermögen kann auch zum Problem werden: Der Schweizer Konzern ABB spült durch den Verkauf der Tochtergesellschaft Lummus fast eine Milliarde Dollar in die eigenen Kassen – und hat damit knapp zwei Milliarden zur Verfügung. Nun gilt es den Aktionären einen Verwendungszweck zu präsentieren.

ZÜRICH. Der Schweizer Industriekonzern ABB verkauft seine Tochtergesellschaft Lummus Global für 950 Mill. Dollar an die Chicago Bridge & Iron Company mit Sitz in den Niederlanden. Lummus bietet Ingenieurdienstleistungen für die Petrochemie an und plant beispielsweise „schlüsselfertige“ Raffinerien. Das ABB-Tochterunternehmen beschäftigt 2 400 Mitarbeiter und erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 988 Mill. Dollar.

2005 schrieb Lummus einen Vorsteuergewinn von 49 Mill. Dollar. 2006 belastete ein Rechtsstreit das Geschäft, so dass gerade eine schwarze Null in den Bücher stand. Lummus gehöre nicht zum Kerngeschäft des Schweizer Industriekonzerns, der sich auf Automations- und Energietechnik spezialisiert hat, begründete ABB-Chef Fred Kindle den Verkauf. Er sprach gestern von einem „letzten Meilenstein“ in der Strategie des Konzerns, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren.

Analysten zeigten sich überrascht von der Höhe des Kaufpreises. Die Zürcher Kantonalbank beispielsweise hatte mit allenfalls 800 Mill. Dollar gerechnet. Wie hoch der Buchgewinn für ABB tatsächlich ist, wird sich allerdings erst zeigen, wenn der Verkauf voraussichtlich Ende des Jahres nach der Zustimmung der Wettbewerbsbehörden unter Dach und Fach ist und wenn auch die Folgen mehrerer Ermittlungsverfahren gegen Lummus absehbar sind.

Kindle hatte im vergangenen Monat über „verdächtige Zahlungen“ im Konzern und bei Tochtergesellschaften berichtet, die sowohl dem US-Justizministerium wie auch der amerikanischen Börsenaufsicht gemeldet worden seien. Dabei dürfte es sich um Korruptionsfälle handeln, von denen auch Lummus betroffen ist.

Die Haftung für mögliche Strafen verbleibe auch nach dem Verkauf bei ABB, räumte gestern ein Sprecher des Konzerns ein. „Wir sehen das Risiko von Strafen, die das Jahresergebnis beeinflussen können“, kommentierte deswegen die Basler Bank Sarasin. Der Konzernsprecher gab sich dennoch optimistisch, dass ABB am Ende einen „substanziellen Buchgewinn“ erzielen werde.

Lummus war Anfang der 90er-Jahre von den Schweizern gekauft worden und hatte jahrelang für Schlagzeilen gesorgt: Die Tochtergesellschaft war Ziel der Klagen von Asbestopfern, die ABB schließlich zu einem Milliardenvergleich zwangen. Erst im vergangenen September konnte der Weg zum Verkauf geebnet werden, als die mehr als 10 000 Kläger einem Reorganisationsplan für Lummus zustimmten, das bis dahin nach US-Recht unter Gläubigerschutz gestanden hatte. Seither ist Lummus vor Asbest-Klagen geschützt.

Der Lummus-Verkauf und die damit verbundenen Einnahmen erhöhen den Druck auf Kindle und ABB-Verwaltungsratspräsident Hubertus von Grünberg, den Aktionären bald einen Verwendungsvorschlag für die mehr als zwei Mrd. Dollar flüssiger Mittel des Konzerns zu präsentieren. Kindle hat wiederholt Zukäufe in Milliardenhöhe nicht ausgeschlossen. Inhaltlich müssten die Kaufobjekte zu den Kerngeschäften passen. Geografisch sieht er Expansionschancen in Nordamerika und den Schwellenländern. Scheitern diese Pläne, dürfte bereits im nächsten Jahr ein Aktienrückkauf bei ABB anstehen.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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