Vier Jahre Korruptionsskandal
Siemens Saubermann und Söhne

Vor vier Jahren flog der Korruptionsskandal bei Siemens auf. Es gab Milliardenstrafen, Manager mussten in Haft. Seitdem hat der Konzern ein weitverzweigtes Antikorruptionssystem aufgebaut. Siemens will ein Vorreiter sein - und es gibt viel zu tun. Der heute vorgestellte Korruptionsindex von Transparency International belegt, dass Deutschland nicht voran kommt.
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ERLANGEN/MÜNCHEN. So sieht er also aus, der Mann, der den Ruf des Siemens-Konzerns in aller Welt retten und die Schmiergeldskandale der Vergangenheit vergessen machen soll: ein schmaler Herr, 52 Jahre alt, graues Haar, sanftes Lächeln. In seinem Büro in der altehrwürdigen Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz in München stehen ein Schreibtisch, eine Eckgarnitur für Besucher, leere Regale. Das war?s. Keine Kunst, keine Erinnerungen, nicht einmal Akten. "Ist doch alles elektronisch archivierbar", sagt Josef Winter.

Allein ein Plakat ziert sein Büro. Darauf steht in großen Buchstaben: "Only clean business is Siemens business", nur saubere Geschäfte sind Siemens-Geschäfte. Es ist das Glaubensbekenntnis, das Winters oberster Chef, der Vorstandsvorsitzende Peter Löscher, seit Amtsantritt predigt - und Winter ist Löschers Missionar an vorderster Front. Er ist seit kurzem dafür verantwortlich, dass sich die etwa 400 000 Siemensianer auf der ganzen Welt daran halten und sich nicht mehr wie in der Vergangenheit in kriminelle Machenschaften verstricken. Winter soll den Ruf des Konzerns in aller Welt wahren, er ist der oberste Siemens-Gesetzeshüter oder, wie das Neudeutsch heißt und auf seiner Visitenkarte steht, "Chief Compliance Officer".

Vor drei Monaten haben sie Winter berufen, um ein Projekt fortzuführen, das vor drei Jahren als größte Aufräumaktion in der deutschen Unternehmensgeschichte begann. Winters Arbeitgeber, die stolze Siemens AG, meldete seinerzeit moralischen Bankrott an. Mindestens 1,3 Milliarden Euro flossen jahrelang in dubiose Kanäle, um im Ausland Aufträge zu bekommen. Die US-Börsenaufsicht SEC und die Staatsanwaltschaft ermittelten, zahlreiche Manager wurden entlassen, einige gar von Gerichten verurteilt. Siemens kostete das mehr als zwei Milliarden Euro an Strafe, Steuernachzahlungen und Anwaltshonoraren.

Seitdem haben sie aufgeräumt im Konzern. Korruption, schwarze Kassen, zweifelhafte Beraterverträge, das alles soll es nicht mehr geben. Aber nicht alle Vorschriften, die Löschers Missionare geschaffen haben, sind mit dem Alltag eines Weltkonzerns vereinbar. Zwischen Kontrollformularen und Anti-Bestechungs-Tests geht schon mal die Zeit für die eigentliche Arbeit verloren.

Deswegen hat Löscher ausgerechnet Winter zum obersten Aufklärer gemacht, einen Vertriebsexperten, einen Mann der Praxis. Seine Abteilung ist so schnell gewachsen, dass sie ein eigenes Unternehmen im Unternehmen wurde. Josef Winter ist Herr über 614 Rechtsanwälte, Referenten und interne Fahnder, die nach Bestechung und rechtswidrigem Verhalten der Kollegen fahnden. Winter ist der Chef der Saubermann AG.

In dieser Funktion muss er nicht nur gegen Lug und Trug in den eigenen Reihen vorgehen, er muss auch viele Fragen beantworten, auf die es bislang kaum Antworten gibt: Wann ist es zu viel der Kontrolle? Wann erstickt die Angst vor Korruption und Strafe neue Initiativen und Ideen? Wie behauptet sich ein Konzern in einer Welt, in der Konkurrenten weiter bestechen - und Geschäftspartner bisweilen Geldkuverts erwarten?

Fragen über Fragen. Und mittendrin der freundliche Herr Winter.

Winter kramt in seinen Erinnerungen an das, was vor vier Jahren bei Siemens los war. Als Vertriebsexperte ist er sonst um Worte nicht verlegen, aber das macht ihm noch immer zu schaffen. Es geht vielen Siemensianern wie ihm, wenn es um den großen Korruptionsskandal in dieser Zeit geht. Schließlich verlor ihr Konzern, den sie auch immer als eine Art Familie betrachtet hatten, in dieser Zeit einen Teil seiner Ehre. Dutzende Polizisten und Staatsanwälte rückten im Herbst 2006 an und beschlagnahmten Berge von Unterlagen. Sie verhafteten gar Winters einstigen Vorgesetzten, den Siemens-Vorstand Johannes Feldmayer. Das sei, sagt Winter, für alle ein Schock gewesen.

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