Volkswagen
Matthias Müller redet sich frei

Der neue Volkswagen-Chef Matthias Müller wirkt nach Monaten der Aufarbeitung und Neuausrichtung im Konzern fast wie zu alten Porsche-Zeiten. Den schwersten Gang tritt er aber erst Anfang des kommenden Jahres an.
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WolfsburgKeine drei Monate arbeitet Matthias Müller jetzt zwischen historischer Krise und radialem Umbau. Seit dem 25. September ist er der Chef von Europas größtem Autobauer. Er muss mit seinen 62 Jahren eine Aufgabe bewältigen, für die er sich nicht unbedingt beworben hat. Man hat ihn inständig gebeten, weil es in dem sich auftürmenden Horrorszenario auf die Schnelle keinen Besseren gab. Nach gut vier Jahrzehnten im Konzern hat er natürlich nicht abgelehnt.

Seither wirkt Müller wie ein Getriebener. Großen Respekt haben sie für ihn zwar in Belegschaft und Aufsichtsrat, wissen sie doch, dass die ganze Last auf ihm liegt. Aber auch im obersten Kontrollgremium ist schon aufgefallen, dass Müller angegriffen und manchmal reizbar wirkt. Sie haben es registriert. Und darüber hinweggesehen. Was will man denn machen, wenn die Not groß ist und es um die gemeinsame Sache geht.

Auch am Donnerstag wirkt Müller anfangs angespannt, als gut 150 Journalisten und mehr als ein Dutzend Kameras ihn anblickten. Müller blickte mürrisch zurück. 33 Minuten lang, solange sprach nämlich sein oberster Aufseher Hans Dieter Pötsch vor ihm.

Dann durfte er endlich. Ruhig verlas er seinen Text, sprach erst über seinen Fünf-Punkte-Plan aus Aufklärung des Skandals und Umsetzung der neuen Strategie, er zeigte Demut, er entschuldigte sich und demonstrierte dennoch Offensivdrang. Der wurde mit der Zeit immer stärker. Gerade ab da, als er mit seinem 35 Minuten langen Redetext fertig war und endlich frei reden konnte. Zunehmend wich die Angespanntheit einer gewissen Lockerheit. „So floskelhaft das auch klingen mag, aber die Krise ist doch auch eine Chance“, rief er den Journalisten fast wie zur Rechtfertigung der aktuellen Situation zu.

Es ist vor allem seine Chance. Müller hat jetzt viel mehr Möglichkeiten zur Veränderung als sie sein Vorgänger Martin Winterkorn je hatte. Gefangen durch den rasanten Aufstieg der vergangenen Jahre konnte der nicht all das anpacken, was nötig war. In guten Zeiten fallen Reformen eben doppelt schwer.

Hier in Wolfsburg ist Müllers Credo nach Veränderung angekommen. „Mein Plädoyer gilt den Neugierigen, den Unangepassten“, so Müller. Leuten, die nicht bereits an die Konsequenzen eines Scheiterns denken, wenn sie neue Projekte angehen.

Müller redet sich warm. Und findet plötzlich fast so etwas wie Spaß an der Veranstaltung. Die offizielle Wortwahl hat er da ohnehin längst verlassen. Wann er sich endlich in die USA wage, wird er gefragt. „Ich werde von Detroit aus von Dienstag bis Freitag durch die USA reisen“, äußert sich Müller endlich zum weiteren Vorgehen in dem Land, in dem Volkswagen von der Aufarbeitung des Diesel-Skandals am weitesten entfernt ist.

Am Sonntag und Montag also Automesse, danach Aufarbeiten der Krise in der Höhle des Löwen. Es gebe nun endlich eine Lösung, die den Behörden bald vorgestellt wird. Davor wollte er nicht rüber, weil es nichts zu sagen gab.

Müller stellt die Beziehung der US-Behörden zu Volkswagen wie die in einem alten Ehepaar da. Da hat man sich lange gut verstanden, dann gebe es mal Ungereimtheiten. Weil man aber so lange schon weiß, was man aneinander hat, rauft man sich dann auch wieder zusammen. „Ich verstehe natürlich, dass die Behörden dort sauer und vergrätzt waren“, verfällt Müller einmal mehr in Umgangssprache.

Selbstbewusst werde er auftreten, natürlich wird er sich auch entschuldigen. Aber ein optimistischer Blick geht nach vorne. Bei Porsche habe man Müller häufig so erlebt, berichten Vertraute. In der Zentrale in Wolfsburg noch nicht so oft. Vielleicht ändern sich gerade die Zeiten.

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