Warum Roche mit seinem Anti-Immunmittel Erfolg haben wird.
Transplantationsbank China

Im Gegensatz zu Japan und großen Teilen vom Rest der Welt gibt es in China keine ethischen oder kulturellen Hemmungen gegenüber der Transplantationsmedizin. Das lockt die Pharmakonzerne an.

SCHANGHAI. Die schmalen Stühle sind mit silbernem Samt gepolstert. In den beiden vordersten Reihen für die Ehrengäste ist sogar noch eine goldene Schleife um die Lehnen geschlungen. Ein lauer Wind weht durch das Zelt. Immer, wenn ein Redner auf das Pult zugeht, erklingen Fanfaren, die ihre musikalischen Wurzeln irgendwo zwischen Winnetou- und Peter-Pan-Filmen haben. Als Franz Humer, Chef des Schweizer Pharmariesen Roche die Stufen zur Bühne emporschreitet, ertönen die Fanfaren besonders schmissig.

Humer ist hierher nach Pudong, dem modernen Stadtteil der quirligen chinesischen Metropole Shanghai gekommen, um eine 15 Mill. Euro teure Produktionsanlage in Betrieb zu nehmen. Der Konzern, der in China mit 1 300 Mitarbeitern rund 135 Mill. Euro Umsatz erzielt, will im Reich der Mitte zum Sprung ansetzen. „Ich sehe“, sagt Humer, „China in Zukunft als einen der wichtigsten Märkte für unsere Produkte.“ Das Land dürfte nach einer Prognose des Beratungsunternehmens Boston Consulting dank zweistelliger Umsatzzuwächse bereits 2010 auf dem fünften Platz liegen hinter den Vereinigten Staaten, Japan, Deutschland und Frankreich. Roche belegt derzeit mit einem Marktanteil von 2,2 Prozent in China hinter Pfizer Platz zwei, gefolgt von Novartis. Das Antibiotikum „Rocephin“ ist zwar noch das umsatzstärkste Mittel des Basler Konzerns in China, das Patent ist jedoch abgelaufen und Nachahmer-Medikamente drängen auf dem Markt.

Deshalb wird Roche vom kommenden Jahr an neben dem Brustkrebs-Medikament „Xeloda“ auch „Cellcept“ in Schanghai produzieren. Das Mittel hemmt die Immunabwehr bei Transplantationen und ist bereits jetzt ein Verkaufsschlager in China. Warum er ausgerechnet dieses Medikament in Shanghai produzieren lasse, begründet Humer so: Im Gegensatz zu Japan gebe es in China keine ethischen oder kulturellen Hemmungen gegenüber der Transplantationsmedizin.

Was der Roche-Chef nicht erwähnt, ist allerdings die abstoßende Seite dieser Entwicklung. Die Transplantationsmedizin des Landes entwickelt sich nicht zuletzt deswegen prächtig, weil China über eine florierende Todesindustrie verfügt. In keinem Land der Erde werden mehr Menschen hingerichtet. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat mindestens 3 400 Exekutionen im vergangenen Jahr in China gezählt. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen. Berichte darüber, was mit den Toten geschieht, gibt es zuhauf. So hat sich der US-Senat vor drei Jahren von chinesischen Ärzten ausführlich schildern lassen, wie den Hingerichteten die Organe zur Transplantation entnommen werden.

In diesem Sommer fand in Peking eine Tagung statt, auf der deutsche und chinesische Wissenschaftler das Thema erstmals innerhalb Chinas öffentlich ansprachen: Hinrichtungskandidaten seien eine lebendige „Transplantationsbank“, beklagte dabei etwa der Juraprofessor Qu Xinjiu von der Universität für Politik und Rechtswissenschaft in Peking. Nicht selten werden die Exekutierten ausgeschlachtet, Herz, Nieren, Leber für Transplantationen genutzt. Nicht immer stimmten, so Qu, Spender oder ihre Verwandten der Operation zu. Der Professor warnte vor der „potenziell schwerwiegenden Gefahr“, dass Gesundheitsbehörden die Gerichte „verführen, locken oder beeinflussen“ könnten, „lax“ zu urteilen. Organentnahmen nach Todesurteilen, so die Schlussfolgerung des Rechtsgelehrten, verstoßen gegen die Menschenrechte und müssten sofort gestoppt werden.

Humer verliert darüber kein Wort. „Wir haben volles Vertrauen in dieses großartige Land“, sagt er und verlässt zu den Klängen der Fanfaren das Rednerpult.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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