Wolfgang Schaupensteiner im Interview
„Korruption ist alltäglich“

Der Frankfurter Oberstaatsanwalt und Korruptionsjäger Wolfgang Schaupensteiner spricht im Interview über die Bestechlichkeit in der deutschen Wirtschaft, typische Täter und die Rolle der Vorstände.

Herr Schaupensteiner, sind die jüngsten Korruptionsfälle bei Siemens oder BMW Ausnahme oder Regel in der deutschen Wirtschaft?

Das sind leider keine Einzelfälle. Korruption ist in Deutschland ein strukturelles Problem, das immensen Schaden anrichtet.

Ist das nicht eher ein ethisches Problem?

Keineswegs. Kartellabsprachen und Korruption führen zu Preistreiberei. Wenn irgendwo Schmiergelder gezahlt wurden, liegen die Preise im Schnitt um 30 Prozent über dem Marktpreis. Die Deutsche Bahn etwa geht davon aus, dass Investitionen um 5 bis 15 Prozent teurer werden, wenn Korruption im Spiel ist. Mit Korruption wollen die Unternehmen mehr Geld verdienen, als bei fairem Wettbewerb möglich wäre.

Wie erfolgreich ist die Aufklärung?

Die Aufklärungsquote ist gering. Ich schätze, dass 95 Prozent aller Fälle unerkannt bleiben. Vermutlich ist das sogar noch zu optimistisch, die Dunkelziffer ist wahrscheinlich höher.

Übertreiben Sie da nicht?

Überhaupt nicht - Korruption ist in Deutschland alltäglich, das Risiko, entdeckt zu werden, minimal. Das Bundeskriminalamt hat 2005 für das Bundesgebiet gerade mal 8 300 Tatverdächtige registriert. Eine repräsentative Umfrage des Forsa-Instituts hat aber ergeben, dass allein im Mittelstand 150 000 Unternehmer Bestechungsgelder gezahlt haben. Hinzu kommen die Fälle bei Großkonzernen und Behörden.

Woran liegt das?

Bei Korruption gibt es kaum Zeugen, wer davon weiß, ist meistens auch Täter oder Gehilfe. Außerdem gibt es keine Opfer im klassischen Sinne, der entstandene Schaden fällt niemandem auf. Er entsteht zum Beispiel beim Steuerzahler, wenn der Staat zu viel Geld für öffentliche Aufträge ausgibt. Oder beim Verbraucher, der zu viel für ein Produkt zahlen muss, weil sich ein Einkäufer bestechen lässt. Korruption ist allgegenwärtig, weil es ohne großes Risiko möglich ist, sich auf diese Weise persönlich zu bereichern oder die Unternehmensumsätze zu steigern.

Es geht also gar nicht immer um den persönlichen Vorteil?

Natürlich ist es gut für die Karriere, wenn ein Mitarbeiter seinem Unternehmen mehr Umsatz verschafft. Aber in der Regel ist das Unternehmen der primäre Nutznießer. Genau da liegt das Problem: Wer sich nicht selbst bereichert, sondern im Interesse seines Unternehmens handelt, hat meistens kein Unrechtsbewusstsein.

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