Zahlungsprobleme
Für Oerlikon läuft die Zeit für Rettung ab

Inside: Die Chance für eine Rettung des schwer angeschlagenen Schweizer Technologiekonzern Oerlikon gehen gegen null. Selbst ein Konkurs kann nicht mehr ausgeschlossen werden. Das einst stolze Industrieunternehmen schockt seine Investoren mit Horrormeldungen – ein Zug im Pokerspiel um den Erhalt der Firma. Wie die Chancen für Oerlikon stehen.
  • 0

ZÜRICH. Wer in nur fünf Tagen fast 40 Prozent seines Marktwerts verliert, hat nicht mehr viel Zeit. Die seit zwei Jahren andauernde Talfahrt von OC Oerlikon hat sich in der vergangenen Woche derart beschleunigt, dass selbst ein Konkurs des einstmals stolzen Industrieunternehmens nicht mehr ausgeschlossen werden kann.

Mit der Nachricht, dass Oerlikon mit seinen Gläubigerbanken darum ringt, die Rückzahlung einer im März 2010 fälligen Kredittranche von 600 Millionen Franken (400 Millionen Euro) zu stunden, die vereinbarten Zinssätze zu drücken und einen Teil der Schulden in Aktien umzuwandeln, hat der Konzern seine Investoren geschockt. Garniert wurde das Ganze mit der Ankündigung, einen Kapitalschnitt mit einer anschließenden Kapitalerhöhung durchzuführen.

Chefsanierer Ziegler in kaum lösbarer Zwickmühle

Den Gläubigern drohen herbe Verluste, den Anlegern eine Verwässerung ihrer Anteile. Dass der russische Oligarch und Großaktionär Viktor Vekselberg bei der Kapitalerhöhung mitziehen und den Verkauf der Aktien garantieren will, ist ein Hoffnungszeichen, mehr nicht.

Oerlikon-Chefsanierer Hans Ziegler kämpft an zwei Fronten. Er muss eine drohende Zahlungsunfähigkeit abwenden und zugleich den Konzern strategisch neu ausrichten. Dass die Gläubigerbanken offenbar zu keiner Rettung bereit sind, solange Oerlikon durch Notverkäufe nicht alle Franken zusammengekratzt hat, bringt Ziegler in eine kaum lösbare Zwickmühle.

„Versehen“ als Zug in einem Pokerspiel

Wirft er die verlustreichen Sparten Textilmaschinen und Antriebssysteme jetzt auf den Markt, drohen dem Konzern empfindliche Buchverluste. Selbst für den Beschichtungsspezialisten Balzers würde Oerlikon mit seiner schwachen Verhandlungsposition heute kaum einen fairen Marktpreis erzielen. Und dass die gepriesene Solarsparte ausgerechnet jetzt einen zweistelligen Millionenbetrag abschreiben muss, dürfte deren Verkaufspreis kaum steigern. Zumal von der reklamierten Technologieführerschaft keine Rede mehr ist. Ziegler spielt auf Zeit, die er gar nicht hat.

Reto Amstalden sieht die „versehentliche“ Veröffentlichung des Finanzierungsplans als Teil eines Pokerspiels. Der Analyst beim Brokerhaus Helvea vermutet, dass die Gespräche mit den Banken ins Stocken geraten sind und Oerlikon den Druck erhöhen will. Das Bankenkonsortium unter der Führung der selbst angeschlagenen Citigroup hat sich noch nicht geäußert. Die Außenstände sind enorm. Insgesamt geht es um 2,5 Milliarden Franken.

Kaum Überlebenschancen für 100 Jahre alte Firma in bisheriger Struktur

Selbst wenn Oerlikon ein Stillhalteabkommen mit den Banken erreichen sollte, mehr als eine Atempause wäre das nicht. Analysten schätzen den Kapitalbedarf auf mindestens eine Milliarde Franken. Den günstigen Zeitpunkt für eine Kapitalerhöhung hat Oerlikon jedoch verpasst. Dass die mehr als 100 Jahre alte Firma in ihrer bisherigen Struktur überleben wird, glaubt deshalb niemand.

Angesichts dieser Aussichten könnte es sein, dass das Finanzierungspoker ohne Ergebnis bleibt und der Konzern doch scheibchenweise verkauft wird.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " Zahlungsprobleme: Für Oerlikon läuft die Zeit für Rettung ab"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%