Zehn Jahre VW-Affäre
„Gebauer, wo bleiben die Weiber?“

In der VW-Belegschaft sind mehr als 90 Prozent in der IG Metall. Die Arbeitnehmerseite genießt im Konzern ungewöhnlich viel Macht. Vor zehn Jahren erlebte das VW-Mitbestimmungsmodell sein schwärzestes Kapitel.
  • 0

WolfsburgAls Betriebsratschef stand Klaus Volkert 15 Jahre lang wie kein anderer für das „System VW“: In enger Abstimmung mit dem Vorstand sah sich der gelernte Schmied auf Augenhöhe mit der Chefetage und als „Co-Manager“ der Unternehmensspitze. Am Ende parkte Volkert auch wie selbstverständlich neben den Vorstandsbossen vor dem Wolfsburger Verwaltungshochhaus. Wenn er wollte, zogen Zehntausende Mitarbeiter zum Protest aufs Werksgelände. Doch die Macht dafür hatte Volkert von der Belegschaft eigentlich nur geliehen. Und zum Schluss missbrauchte er sie schamlos – bestens unterstützt aus der Chefetage.

Die VW-Affäre um geheime Boni, Schmiergelder und Lustreisen auf Firmenkosten samt Bordellorgien erschütterte Mitte 2005 nicht nur den Autobauer, sondern mit dem VW-Land Niedersachsen auch die Republik. Der Skandal zog den Mitbestimmungsgedanken als Errungenschaft der Gewerkschaftsbewegung in den Dreck und kratzte heftig am Image von Volkswagen. Als „Mist“ bezeichnete Volkert seine Rolle rückblickend. Er habe VW, der Arbeitnehmerseite und seiner Familie sehr geschadet.

Volkert selber kassierte damals fast zwei Millionen Euro an Boni von Personalvorstand Peter Hartz, der einräumte, Volkert „gekauft“ zu haben. Volkerts Geliebte aus Brasilien bekam zudem rund 400.000 Euro zugeschanzt. Während Hartz mit Bewährung und Geldstrafe davonkam, erhielt Volkert zwei Jahre und neun Monate Haft, aus der er ein Jahr vor Ablauf entlassen wurde. VW-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, der Luxushotels, Partys und Nachtclubs organisierte, bekam wie Hartz Bewährung. „Gebauer, wo bleiben die Weiber?“, soll damals im System VW oft ein Ausruf gewesen sein. Die Affäre hallte noch lange nach.

In jenen Zeiten kriselte es auch wirtschaftlich. Von 89 Milliarden Euro Umsatz blieben 2004 nur rund 700 Millionen Euro Überschuss. Das Sparprogramm „ForMotion“ griff, Volkswagen galt vor zehn Jahren noch als „kranker Mann der Automobilindustrie“, sagt Branchenkenner Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. „Die Affäre symbolisierte die negativen Folgen von Intransparenz und ungesunden Einfluss- und Machtbeziehungen im Volkswagen-Konzern.“

Die große Bedeutung des VW-Betriebsrates war historisch gewachsen. Die Keimzelle des Konzerns in Wolfsburg entstand unter den Nazis mit enteignetem Gewerkschaftsvermögen. Daher sah die Arbeitnehmerseite in VW stets einen Sonderfall. „Wer dies unterschlägt oder verkennt, verkennt den Charakter des Werkes, seine Identität und seine Erfolgsfaktoren“, sagte der frühere IG-Metall-Chef Berthold Huber 2008. Das SPD-Mitglied führt jüngst, nach dem Rücktritt von Ferdinand Piëch, den VW-Aufsichtsrat als kommissarischer Chefkontrolleur.

Seite 1:

„Gebauer, wo bleiben die Weiber?“

Seite 2:

„Die Prozesse sind jetzt transparenter“

Kommentare zu " Zehn Jahre VW-Affäre: „Gebauer, wo bleiben die Weiber?“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%