Zerlegt und zurechtgestutzt
Nach tiefen Einschnitten schreiben Deutschlands Konzerne wieder ansehnliche Gewinne

Der wichtigste Schauplatz der deutschen Wirtschaftsgeschichte war 2004 nicht Berlin, auch nicht Frankfurt, Düsseldorf oder München. Es war das niederrheinische Städtchen Kamp-Lintfort, in dem sich am 24. Juni das Ereignis mit dem größten Symbolwert zutrug: die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche.

HB DÜSSELDORF. Die Beschäftigten des dortigen Handy-Werkes und die des benachbarten Werkes Bocholt stimmten zähneknirschend zu, für denselben Lohn länger und deutlich flexibler zu arbeiten. So verhinderten sie, dass der Konzern die Produktion nach Ungarn verlagerte. Ein Sieg für Siemens-Chef Heinrich von Pierer, der damit eine Vorreiterrolle für die Großindustrie einnahm, und eine Niederlage für die Gewerkschaften, die die Wende von der Arbeitszeitverkürzung zur-verlängerung hinnehmen mussten. "Das hat mich 2004 am meisten überrascht, dass gerade Siemens dieses Tabu-Thema so radikal angepackt hat", sagt Franz-Josef Seidensticker, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Bain & Company.

Die Kamp-Lintforter Lösung fand viele Nachahmer - vor allem in der mittelständischen Industrie hatte sie auch durchaus etliche Vorgänger. Längere und flexiblere Arbeitszeiten waren eines der wichtigsten Instrumente, mit denen deutsche Unternehmen 2004 versucht haben, lohnintensive Produktionen im Inland wieder wettbewerbsfähig zu machen.

Für viele Branchen war das ein Jahr der schmerzlichen Einschnitte: Die Leitindustrie Auto geriet ins Schlingern, Opel und VW legten drastische Sparprogramme auf, und Daimler-Chrysler kippte mit Mitsubishi Motors eine Säule der Welt AG. Der einst stolze Bayer-Konzern zerlegte sich selbst, und Aventis wird endgültig französisch. Die Konsumflaute stürzte den Handelsriesen Karstadt-Quelle in die Krise und trieb die Pleitewelle in neue Höhen. Wer vom Inlandsmarkt abhängt, hat ein Problem, und wer im Inland produziert, kann nur noch mit innovativen, hochwertigen Produkten international konkurrieren.

Erfolge der Sparrunden in den Bilanzen sichtbar

"Das ist wie ein langer Tunnel, den alle deutschen Unternehmen durchfahren müssen", sagt Dieter Heuskel, Deutschland-Chef der Boston Consulting Group. "Puma und Adidas haben seit 25 Jahren die Wertschöpfungstiefe verringert, sind jetzt am anderen Ende des Tunnels angekommen und stehen blendend da." Seidensticker stimmt da ein: "Die deutschen Unternehmen werden noch viel mehr lohnintensive Produktion ins Ausland verlagern müssen." Noch habe sich die Wettbewerbsposition Deutschlands nicht verbessert - aber immerhin auch nicht weiter verschlechtert.

Erste Erfolge der Sparrunden und Umstrukturierungen zeigen sich jedenfalls in den Bilanzen für 2004. Sie werden bei den weitaus meisten Dax-Größen glänzen, vor allem dank eines oft ausgezeichneten Auslandsgeschäfts. Um rund 60 Prozent werden die Gewinne der Dax-30-Unternehmen im zu Ende gehenden Jahr gestiegen sein. Damit liegen sie sogar um ein Zehntel höher als im bisherigen Rekordjahr 2000.

Doch im internationalen Vergleich seien die Renditen vieler Top-Konzerne noch immer kaum wettbewerbsfähig, warnt Heuskel. "Sowohl die Umsatzrenditen als auch die Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind noch immer systematisch niedriger als in den USA. Deutschland hat den Abstand 2004 nicht mal verringert", rückt er die Relationen zurecht.

Immerhin haben die großen Konzerne in den vergangenen Jahren ihre teilweise drückenden Schuldenlasten abgebaut und sind wieder fit für Übernahmen. Viele Experten rechnen deshalb damit, dass sich das Fusionsgeschehen im kommenden Jahr auch in Deutschland belebt. Das ist auch nötig, denn Größenvorteile spielen in der globalisierten Wirtschaft eine wachsende Rolle. "Wir haben einfach zu wenige Unternehmen, die global ganz vorn mitspielen", bemängelt Seidensticker, "größere Branchen schon gar nicht."

Ein guter Teil der Aufräumarbeiten liegt nun hinter den Unternehmen, und der Generationswechsel in den verlustreichen Jahren hat eine Garde ehrgeiziger Manager in den Vierzigern an die Spitze gespült, die das Zeug haben, ihre geplagten Belegschaften wieder zu motivieren. "Wir sollten den neuen Vorstandschefs erst einmal Zeit geben, Resultate zu erzielen", fordert Seidensticker. Er spüre die Bereitschaft in vielen Vorstandsetagen, auch "unangenehme Dinge anzupacken" und sich gegenüber Anlegern und Öffentlichkeit transparent zu zeigen.

Anpacken wird unter anderem bei Siemens der 47-jährige neue Vorstandschef Klaus Kleinfeld. Zu seinem Amtsantritt könnte gleich wieder Kamp-Lintfort in den Blickpunkt rücken. Ende Januar will der Konzern nämlich entscheiden, ob er sich von der Handy-Sparte - ganz oder teilweise - trennt. Das könnte die Zugeständnisse der Kamp-Lintforter Arbeiter schon nach einem guten halben Jahr zum Symbol ohne Wert machen.

Lesen Sie Rückblicke zu den wichtigen Branchen in der großen Jahreschronik 2004: >>> weiter...

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%