ZF Friedrichshafen feiert Jubiläum
Das große Wagnis

Im 100. Jahr seines Bestehens steht ZF vor der größten Zäsur seiner Geschichte: Der Konzern hat den US-Konkurrenten TRW übernommen. Zwei völlig verschiedene Unternehmenskulturen müssen aufeinander abgestimmt werden.

Friedrichshafen/Düsseldorf/StuttgartDrei einflussreiche Männer mit weißen Bauhelmen stehen neben einem großen Kettenbagger im Herzen von Friedrichshafen am Bodensee. Sie feiern im Februar 2013 den ersten Spatenstich für die neue Zentrale des Automobilzulieferers ZF. Weltoffen, modern, transparent – so soll sich der „Forum“ genannte Hauptsitz präsentieren. Der Bau steht für ein ehrgeiziges Ziel: Die einstige Zahnradfabrik Friedrichshafen, das verschlossene Großunternehmen, will sich zu einem agilen Weltmarktführer entwickeln.

Aufsichtsratschef Giorgio Behr hat seine linke Hand locker in der Hosentasche, die rechte legt der Schweizer Unternehmer lässig auf die Schulter von Oberbürgermeister Andreas Brand. „Die neue Zentrale drückt aus, dass ZF zu Friedrichshafen gehört. Der Konzern und seine Produkte haben hier ihre Wurzeln“, sagt der Verwaltungsfachmann. Neben ihm wirkt der gerade erst angetretene Vorstandschef Stefan Sommer in seinen Sicherheitsschuhen und dem grauen Anorak unbeholfen, er sieht eher wie ein Bauleiter als wie ein Unternehmenschef aus.

Wie sehr dieses Bild der drei Männer mit weißen Bauhelmen in der Rückschau täuscht, zeigt das vergangene Jahr: Schon damals hatte Sommer Pläne im Kopf, die das 1915 gegründete Traditionsunternehmen weit mehr verändern werden als je in seiner Geschichte zuvor. Der Blick des ZF-Chefs ging schon vor mehr als zwei Jahren weit über den Bodensee sogar weit über den Atlantik hinaus. Denn wenn am Mittwoch mehr als 1500 Gäste – darunter unter anderen Volkswagen-Chef Martin Winterkorn – mit Sommer den 100. Jahrestag der Gründung feiern, steht der Konzern vor einer neuen Ära, der wahrscheinlich spannendsten in der nicht unbewegten Geschichte des Unternehmens.

In einer Rekordzeit von gut neun Monaten hat ZF seit Juli 2014 den US-Konkurrenten TRW übernommen. Der Deal katapultiert den Konzernumsatz in diesem Jahr von gut 18 Milliarden Euro auf mehr als 30 Milliarden Euro. Und dabei steuert der amerikanische Spezialist für Fahrer-Assistenzsysteme seit dem Vollzug der Übernahme Mitte Mai nur 7,5 Monate seinen Teil zum neuen gemeinsamen Umsatz bei. Das von Mitarbeitern liebevoll „Zackenbude“ und von Konkurrenten mit dem gleichen Wort geschmähte Unternehmen treibt damit die beiden weltgrößten Automobilzulieferer Continental (34,5 Milliarden Umsatz) und Bosch (33,3 Milliarden Umsatz) vor sich her.

Die Übernahme eines am Kapitalmarkt orientierten Konkurrenten aus den USA bedeutet für ZF nichts weniger als die größte Zäsur in der Unternehmensgeschichte. Schließlich ist das Traditionsunternehmen im Gegensatz zu TRW weder Aktienbesitzern, noch renditeorientierten Anteilseignern verpflichtet - sondern fast ausschließlich dem Wohle von Friedrichshafen. Denn mehr als 90 Prozent der ZF-Anteile sind im Besitz der Zeppelin-Stiftung, die von der Stadt am Bodensee verwaltet wird.

Nicht zuletzt deshalb hatte sich Oberbürgermeister Brand auch dafür eingesetzt, dass das größte und wichtigste Unternehmen der Stadt unbedingt die begehrten Flächen am alten Güterbahnhof für die neue Zentrale bekommt. „Der Gemeinderat weiß um seinen Schatz“, sagt Brand. Ein Schatz, der seit diesem Jahr für die Kommune noch wertvoller geworden ist: Die Ausschüttung der Stiftung an die Stadt hat sich gerade von 30 auf 50 Millionen Euro im Jahr erhöht. Millionen, die seit Jahren unter anderem von ZF erwirtschaftet werden.

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