Bertelsmann-Zukunft
In Gütersloh stockt die digitale Aufholjagd

Schöne Gütersloher Welt: Bertelsmann knüpft wieder an alte Umsatzhöhen vor dem Ausbruch der Finanzkrise an. Doch es gibt eine Zahl, die nachdenklich stimmt: Der digitale Wandel kommt im Medienkonzern kaum voran.
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Selbstlob liegt bei der Bilanzvorlage durch den Vorstand in der Natur der Sache. Bertelsmann macht da keine Ausnahme. Auch Thomas Rabe, der kühle Vorstandschef von Europas größtem Medienkonzern, versuchte sich am Montag in bestem Licht darzustellen.

Auf dem ersten Blick fällt das Rabe auch ziemlich einfach. Das Konzernergebnis stieg im ersten Halbjahr um mehr als die Hälfte auf fast 400 Millionen Euro. Auch der operative Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) wuchs auf deutlich über eine Milliarde Euro. Hinzu kam gab Rabe auch noch einen positiven Ausblick. Schließlich brummt der Heimatmarkt Deutschland. Positive Währungseffekte tun ihr übriges. Mittelfristig soll das Konzernergebnis auf mehr als eine Milliarde Euro zulegen. Schöne Gütersloher Welt.

Doch es gibt eine Zahl, die nachdenklich stimmt. Denn der Konzern der Familie Mohn brauchte fast eine Dekade, um alte Umsatzhöhen wieder zu erklimmen. Mit Erlösen von acht Milliarden Euro in den ersten sechs Monaten kommen die Gütersloher erst jetzt wieder auf das Niveau von 2007, dem Jahr vor dem Ausbruch der Finanzkrise. Der Verlauf der Erlöse zeigt, wie schwer es dem ostwestfälischen Unternehmen fällt, neue Geschäfte zu entwickeln.

Nach dreieinhalb Jahren unter der Führung von Thomas Rabe wird immer klarer: Der Konzernlenker ist vor allem ein cleverer, strategisch umsichtig agierender Finanzmann, aber kein geborener Unternehmer mit dem Instinkt für Innovation. Rabes defensiver, zahlenorientierter Charakter besitzt viele Vorteile. Schließlich kann Bertelsmann eine sehr ordentliche Eigenkapitalquote aufweisen. Dem Familienunternehmen gelang es im Frühjahre mühelos, milliardenschwere Hybridanleihen zu platzieren, und das Rating ist trotz turbulenter Zeiten stabil.

Doch die digitale Aufholjagd, vor allem mit dem Ausbau der Bildungsmedien, kommt nur langsam, sehr langsam voran. Rabe ist schlau genug, nicht das ganze Geld auf ein Pferd in dem neuen Geschäftsfeld zu setzen. Er bevorzugt viele kleinere und mittlere Investitionen, um ein Klumpenrisiko zu vermeiden. Ob diese Strategie allerdings aufgeht, steht in den Sternen.

Der Familie Mohn, allen voran dem Aufsichtsratschef Christoph Mohn, gefällt dieses Anlagestrategie. Der Sohn der Bertelsmann-Matriarchin weiß nur zu genau, wie schnell man Geld im Digitalen versenken kann. In seinem längst pleite gegangenen Internetunternehmen Lycos Europe verbrannte er mehr als eine halbe Milliarde Euro.

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