Brettspiel „Finanzkrise“
Wie ich fast ganz Griechenland privatisierte

Im satirischen Brettspiel „Finanzkrise“ schlüpfen die Spieler in die Rolle von Banken: Sie investieren, privatisieren und intervenieren. Der Entwickler will lieber unbekannt bleiben – er arbeitet in der Finanzbranche.
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Bank zu sein, ist wirklich nicht einfach: Die griechischen Inseln sind alle verkauft, in Spanien droht ein Aufstand, in Irland gibt es nur wenig Zinsen, in Frankreich dafür viel, jedoch steht das Land kurz vorm Schuldenschnitt. Wohin also nur mit den Milliardenpaketen, die man sich letzte Runde von der EZB geliehen hat?

Vor solchen strategischen Entscheidungen steht man im Brettspiel „Finanzkrise“ (englischer Titel: „€uro Crisis“) ständig: Mit Karten, Holzmarkern und Geldchips erleben Spieler vier Jahre europäische Finanzkrise – aus der Sicht von Banken. Das Spielziel: „sich möglichst viel Staatseigentum unter den Nagel zu reißen“, so steht es in der Anleitung.

Der Entwickler mit dem Pseudonym Galgor sagt: „Ich will nicht die Banken anprangern, ich sehe mich eher in der Position des Beobachters: Das Spiel folgt eben den Regeln der richtigen Welt. Die Banken handeln so, weil das System so ist. Vielleicht sind deswegen gar nicht die Banken ‘die Bösen’. Vielleicht sind die Regeln einfach komisch.“ Seinen echten Namen möchte er hier nicht lesen, da er nach seinem Mathematikstudium einen Job in der Finanzbranche angenommen hat: Er befürchtet, dass Vorgesetzte oder Kollegen ihn in eine Anti-Banken-Ecke stellen würden.

In der Tat kann das Spiel schnell den Eindruck erwecken, dass es sich um eine satirische Kritik an den Finanzinstituten handelt. In der Anleitung wird die Euro-Krise etwa als „Fest für die Banken“ beschrieben, und wenn die Bürger wegen zu harter Reformen einen Aufstand anzetteln, unterstützt der freundliche Investor die Regierung eben mit ein paar Panzern, die er sich davor in Moskau gekauft. Klischee pur.

Doch auch die Europa-Politik bekommt ihr Fett weg. Mit der „Brüssel”-Karte kann ein Spieler etwa die Regierung eines Landes tauschen – als Vorlage diente hier sicherlich Mario Montis Einsatz in Italien. Und wer „Rom“ ausspielt, schmeißt ein paar Bunga-Bunga-Partys, damit Politiker die ihm genehmen Reformen durchsetzen: Konservative verringern die Staatsschulden, erhöhen aber die Unzufriedenheit, Sozialisten beglücken das Volk, nehmen aber neue Schulden auf; Liberale verbessern das Rating der Staatsanleihen und Firmeneigentümer bekommen Geld vom Staat; bei den Kommunisten verschlechtert sich das Rating und die Eigentümer müssen Geld an den Staat abdrücken. Ganz abwegig ist das alles nicht.

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„Hey, mir gehört der Eiffelturm“

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