Den Billigheimer wollen die Bertelsheimer nicht mehr machen
Der Bertelsmann-Buchclub erobert Berlin

Stolz zeigt Marc-Oliver Sommer sein Berliner Büro. Der Blick hinüber zum mächtigen Dom und zur noch eingerüsteten Museumsinsel fasziniert den Chef der Bertelsmann-Buchgemeinschaft „Der Club“. Es war die Idee des 43-Jährigen mit dem Umzug nach Berlin einen Neuanfang zu machen. Statt in der westfälischen Kleinstadt Rheda schlägt künftig das Herz des Buchklubs mitten in der Hauptstadt.

BERLIN. Die Offensive ist die letzte Chance für das Sorgenkind. Eigentlich sollte der Club längst saniert sein. Die Versuche von Sommers Vorgänger scheiterten jedoch kläglich. Der „Club“ hat nur noch drei Millionen Mitglieder und der Umsatz sank im vergangenen Jahr auf 360 Mill. Euro. Die Verluste werden sich in diesem Jahr auf fünf bis sechs Mill. Euro reduzieren, sagen Insider. „Wir werden im nächsten Jahr profitabel sein“, verspricht Sommer, der mit dem erfolgreichen französischen Buchclub France Loisirs sein Meisterstück ablieferte.

Für Bertelsmann ist der Umzug eine Kulturrevolution. Bisher galt es als undenkbar, dass die Keimzelle von Europas größtem Medienkonzern die westfälische Geburtsstätte verlässt. Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn hatte den Klub vor 55 Jahren gegründet. In der bisherigen Zentrale in Rheda, die den Charme einer AOK-Filiale ausstrahlt, begann einst die Bertelsmann-Grand-Dame Liz Mohn ihre steile Karriere. Doch zu einer radikalen Reform gab es schließlich keine Alternative mehr . Sommer, seit einem guten halben Jahr an der Spitze des Klubs, macht Dampf, senkt drastisch die Kosten. 70 Arbeitsplätze wurden bereits gestrichen.

Nun soll der Verlustbringer mit einer Fokussierung auf das Buchgeschäft und neueren Läden aus den roten Zahlen kommen. Von den 300 Läden in Deutschland sind aber nur 80 renoviert. „Der Club galt lange als Nachspieltheater“, sagt Sommer. Künftig will er stattdessen exklusive Bücher verlegen wie zum Beispiel eine aufwendige Neuausgabe von Dantes „Göttlicher Komödie mit Bildern des spanischen Malers Miguel Barceló. Den Billigheimer wollen die Bertelsheimer nicht mehr machen. „Wir sind kein Discounter und werden auch nie einer sein“, sagt Sommer.

Strategisch spielt Deutschland im globalen Buchclub-Geschäft von Bertelsmann nur eine Nebenrolle. Vorstand Ewald Walgenbach blickt ins Ausland. Der Ableger in der Ukraine zählt bereits eine Million Mitglieder. „Wir haben dort ein jährlich Wachstum von 60 bis 70 Prozent“, lobt der 46-Jährige. Es war deshalb kein Zufall, dass bei der Eröffnungsparty in Berlin der verkaufsstarke Jungschriftsteller Wladimir Kaminer spätabends Platten für seine „Russendisko“ auflegte und für gute Laune unter den 500 Gästen sorgte. Denn die Musik spielt in Osteuropa – auch im Buchklubgeschäft.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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