Der Schleichwerbungsskandal zeigt: ARD & Co.brauchen neue Aufseher.Visite bei einem Bewerber.
Die TV-Wacht am Rhein

Pünktlich sind sie ja“, sagt Ingo zufrieden. 6:00:02 zeigt das Laufwerk des Videorecorders. Um zwei Sekunden hat der Videoclipsender Viva Plus seine Sendung überzogen. Das ist zwar nicht erlaubt, aber doch ein Kavaliersdelikt. Kollegin Barbara tippt das Kontrollergebnis trotzdem in eine Tabelle ein – als Beweismittel, für alle Fälle.

Ingo und Barbara sind Mitte 20, tragen lederne Halsketten, und eigentlich sind sie Studenten: Soziologie und Germanistik. „Zimmer 215, Programmbeobachtung“ steht draußen an der Tür, hinter der die beiden 14 TV-Sender überwachen. Der Fernseher ist viel zu klein, und das Ambiente ist tropisch: schwüle 30 Grad plus X, obwohl nebenan über dem Rhein nicht mal die Sonne scheint. Die Büros im Düsseldorfer Hafen der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM), die den beiden etwa zehn Euro pro Stunde für kritisches Fernsehgucken zahlt, sind nicht klimatisiert.

Trotz bescheidener Arbeitsbedingungen und studentischer Entlohnung: Barbara und Ingo und ihr Arbeitgeber gehören zu den erfahrensten Medienwächtern der Republik. Seit Jahren schon prüfen sie Sendezeiten, messen die Länge von Werbeblöcken, spüren Jugendgefährdendem nach und Schleichwerbung auf.

Bloß: Überwachen dürfen sie nur Privatsender. Die Öffentlich-Rechtlichen kontrollieren sich selbst. Dass das aber nicht funktioniert, beweisen die Enthüllungen über illegale Werbung in ARD-Sendungen wie „Marienhof“ (siehe: Schleichen und abkassieren). Dürfte die TV-Wacht am Rhein auch ARD und ZDF überwachen, hätte es den Skandal so wohl nicht gegeben. Die Affäre erhöht den Druck auf die Öffentlich-Rechtlichen, auch ihre Programme von unabhängigen Dritten begutachten zu lassen.

Und der Druck könnte bald noch stärker werden. Weil die Medienanstalten Bußgelder in Millionenhöhe gegen Private verhängen, ARD und ZDF nach dem Rundfunkstaatsvertrag aber nicht sanktioniert werden können, prüfen Privatsender, ob sie das Bundesverfassungsgericht anrufen. Erklärten die Karlsruher Richter die Ungleichbehandlung für verfassungswidrig, müssten sich die Öffentlich-Rechtlichen einem unabhängigen Kontrolleur unterwerfen. Deutschlands Fernsehlandschaft würde neu geordnet.

Die blauen Hemdsärmel hochgekrempelt, lehnt sich Norbert Schneider in seinem Stuhl zurück. Auch in seinem Büro steht die stickige Luft. Aber der Direktor der LfM vermittelt die aufgeräumt-gute Laune von einem, der es immer schon gesagt hat, auf den aber niemand hörte – bis ihm die Wirklichkeit Recht gab.

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