Ein rundes Bekenntnis für eine Open-Source-Gesellschaft
Linux kommt – langsam, aber bestimmt

Es geht um Geld, sehr viel Geld. Nichts belegt mehr die zunehmende Akzeptanz des eigentlich freien Betriebssystems Linux als der Milliarden schwere Rechtsstreit zwischen dem Computerkonzern IBM und dem vergleichsweise kleinen Softwarehaus SCO.

DÜSSELDORF. Manchmal bedarf es spektakulärer Vorgänge – wie der Beschluss des Münchener Stadtrats, auch Linux anstatt Microsofts Windows als Betriebssystem für die 14 000 Personalcomputer der Stadtverwaltung einzusetzen –, um auf einen Trend aufmerksam zu machen. Mitunter sind es viele kleine Meldungen, die darauf hinweisen, dass Linux kommt – wie gerade auf der Linux-World in San Francisco. Aber all das ist nichts gegen die Klagen, in denen sich IT-Unternehmen gegenseitig geschäftsschädigendes Verhalten vorwerfen, um zu belegen, dass das Betriebssystem Linux ein neues lukrative Geschäftsfeld hergibt.

So reichte der weltgrößte Computerkonzern IBM gegen die kleine Software-Firma SCO eine Gegenbeschwerde ein. Bei dem Milliarden-Poker geht es um mögliche Urheberrechte an Linux-Programmcodes. Urheberrechte an einem freien, jedermann zugänglichen Programm? SCO macht Ansprüche an selbst vorgenommenen Weiterentwicklungen geltend und zieht sich damit nicht nur den Zorn der direkt verklagten IBM zu, sondern auch der großen Gemeinde der Linux-Entwickler, die weltweit übers Internet für Verbesserungen sorgen.

„Wir lassen uns in unserem Linux-Eifer durch nichts beirren“, schwärmte Irving Wladawsky-Berger, General Manager von IBMs E-Business-Abteilung, in seinem Keynote-Vortrag auf der Linuxworld in San Francisco von den Erfolgen des quelloffenen Betriebssystems. Ob Großbanken, Gen-Forschungsinstitute oder riesige Behördenapparate – glaubt man dem IBM-Manager, so profitiert mittlerweile die halbe Welt von den Möglichkeiten des freien Unix-Derivats. Und auch die andere Hälfte will IBM noch überzeugen.

Unterstützung erhält IBM praktisch von der gesamten Open-Source-Szene. Der Chef des Linux-Distributors Red Hat, Matthew Szulik, hat eine Botschaft parat: „Sie alle hier sind Erben der zukünftigen Informationsgesellschaft. Ich bin hier, um sie aufzufordern, die gesamte Industrie vorwärts zu bringen.“

"SCO schadet der Branche"

In einer Podiumsdiskussion auf der Linux-World zur Zukunft von Open Source gingen Analysten führender Unternehmensberatungen ebenfalls hart mit der SCO Group ins Gericht. Die Diskutanten von D. H. Brown, Forrester, IDC und Gartner waren sich einig, dass SCO, momentan auf einem Feldzug zur Durchsetzung angeblicher Software-Urheberrechte gegen Linux-Anbieter, völlig unangebrachte Mittel anwendet und der Branche erheblich schadet.

Ihre Zukunft als Unix-Anbieter habe die Firma jedenfalls verspielt, glaubt IDC-Marktforscher Dan Kusnetzy. Er könne SCOs Maßnahmen eigentlich nur als Verzweiflungstat begreifen, sagte der Analyst. Gartner-Mann George Weiss begrüßte die Gegenwehr von Red Hat und forderte den Rest der Linux-Branche zu mehr Initiative auf. SCOs Angriffe einfach wortlos hin zu nehmen, sei gefährlich, findet Weiss.

Zur Entwicklung dieses Streits: Vergangenen März hatte die relativ kleine SCO den Computerriesen IBM auf eine Milliarde Dollar Schadenersatz verklagt. IBM wies bislang alle Vorwürfe zurück. SCO war unter dem Namen Caldera acht Jahre lang Anbieter eines Linux-Systems. Teile der umstrittenen Unix-Codes, die 1969 programmiert worden waren, hatte das Unternehmen 1995 gekauft und unter anderem an IBM lizenziert. Der überraschenden Klage gegen den Computer-Giganten IBM wurde in Branchenkreisen lange kaum Aussicht auf Erfolg zugesprochen. Inzwischen hat jedoch Microsoft die SCO-Technologie lizenziert. Insider vermuten, dass SCO lediglich einen Stellvertreterkrieg für Microsoft führt, mit dem das größte Softwarehaus der Welt den Markt verunsichern will, um weiterhin mit seinen Windows-Systemen zu dominieren.

Vom Supercomputer bis zum Desktop

Neben diesen Rechtsstreitigkeiten bekennen sich zudem immer mehr Unternehmen zu Linux. Einige Nachrichten der vergangenen Tage:

  • Die Computerkonzerne Fujitsu und IBM haben von zwei japanischen Ministerien Aufträge für den Bau je eines Superrechners mit dem freien Betriebssystem Linux erhalten.
  • Ein richtig eingerichteter Linux- Rechner ist laut einer Studie des Berliner Unternehmens Relevantive inzwischen fast genauso benutzerfreundlich wie ein Computer mit Windows XP von Microsoft.
  • RealNetworks will, dass Nutzer von Linux, Solaris und Unix auf ihren Systemen Medien auf dem gleichen Niveau nutzen können wie bislang Windows- und Mac-Nutzer mit dem Player RealOne. Im Rahmen des Projekts Helix Player soll deshalb der Quellcode der Mediasoftware an Entwickler der Open-Source-Gemeinde weitergegeben werden. RealNetworks erhofft sich breite Unterstützung aus der Industrie, die auf Linux setzt. Der Hintergrund: Microsoft hat mit seinem Mediaplayer einige Marktanteile erobern können, was ihr ja gerade in den vergangegen Tagen die Androhung einer deftigen Strafe der EU-Kommission eingebracht hat.
  • Netzwerkspezialist Novell kündigte an, Funktionen seines LAN-Betriebssystems NetWare in künftigen Versionen nur noch auf Linux-Basis herauszubringen. Einen Tag nach der überraschenden Übernahme des Open-Source-Softwareherstellers Ximian verstärkte Firmenchef Jack Messman sein Bekenntnis zum Pinguin: „Die Zukunft gehört bei uns eindeutig Linux.“
  • Sanjay Kumar, Chairman und CEO der Computer Associates, stellte klar: „Wir und Linux werden überleben.“
  • Hewlett-Packards Manager Peter Blackmore rechnete seinen Kunden vor, dass mit Linux auf Intel-Prozessoren Kostenvorteile von bis zu 50 Prozent im Vergleich zu Unix-RISC- Systemen möglich seien. HP selbst hat intern rund 3 500 Linux-Server im Einsatz. Über 5 000 Service-Fachleute stehen bei HP weltweit für Linux-Kunden bereit.
  • Beim britisch-niederländischen Konzern Unilever werden ab 2006 keine Unix-Rechner mehr angeschafft. Der Konsumgüterhersteller will auf ein einziges Betriebssystem konsolidieren, vom Server-Pool für Printer und Dateien bis hin zu SAP-Anwendungen für gleichzeitige 20 000 Benutzer.
  • Selbst für rechenintensive Anwendungen beim Trickfilmhersteller Dreamworks ist Linux-Hardware eine ernsthafte Alternative: Die Firma von Regisseur Steven Spielberg ersetzt teure Grafikrechner und Render-Farmen mit Linux-Systemen.
  • Die Unterstützung der 64-Bit-Eigenschaften und des neuen Befehlssatzes vom Intel-Itanium-Prozessor im Linux-Kernel steht kurz vor der Vollendung, teilte Entwickler David Mosberger mit.
  • Eine volle und nahtlose Unterstützung für sämtliche Oracle-Lösungen, die auf Linux-Betriebssystemen aufsetzen, sagte Charles Rozwat, Executive Vice President bei Oracle, auf der Linux-World, zu. Oracle habe selbst bereits geschäftskritische Applikationen auf Linux portiert.
  • The Computer and Communications Industry Association, eine Gruppe, die die größten Rivalen von Microsoft repräsentiert – darunter Sun Microsystems und Oracle – wollen eine Lobby bilden, um Regierungen und Verwaltungen für Linux zu gewinnen.
  • Und selbst Microsoft will 59 Staaten Einblick in den geheimen Programmcode von Windows gewähren. Mit diesem Shared Source Programm reagiert der weltgrößte Softwarekonzern offensichtlich auf den Erfolg von Open-Source-Projekten, zu denen auch das freie Betriebssystem Linux gehört.



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