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Facebook lässt sich in die Karten schauen – ein bisschen

Counter Speech - bequeme Lösung gegen Hass?

Facebook betont immer wieder, wie ernst man die eigene Verantwortung in Zusammenhang mit Rassismus und Hetze in den sozialen Netzwerken nehme. Gerade die Counter Speech scheint aber eine relativ bequeme Methode für Facebook zu sein: Schließlich sind es die Nutzer und Organisationen wie „Netz gegen Nazis“, die sich positionieren (sollen).

Doch Facebook hat noch einen anderen Lösungsansatz im Köcher: Als Reaktion auf die Debatte in Deutschland hat man eine Eingreiftruppe zum Umgang mit Hetze und Hass im Netz gebildet und arbeitet nun mit Unternehmen, NGOs, Politikern und mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) zusammen.

Die Bildung der Task Force kann als weiteres Zugeständnis an die deutschen Nutzer verstanden werden. Aber auch als Eingeständnis. Denn: Im Community Operation Team arbeiten deutsche Muttersprachler. Aber niemand ist Experte in deutschem Recht, so Siobhán Cummiskey. Zwar gebe es Juristen im Haus. Denen würde man aber schon alleine aus Zeitgründen nicht jeden fraglichen Kommentar zur Überprüfung schicken. Deshalb können Fehler passieren und Beiträge stehen bleiben, die in Deutschland strafbar sind.

Die Task Force soll deswegen an einer globalen Definition von Hate Speech arbeiten, die übergreifend gültig ist. Diese gibt es nämlich bislang nicht. Trotzdem sieht sich Facebook nicht in einer Verteidigungsposition. „Jeden Tag werden Milliarden Inhalte auf Facebook geteilt“, sagt Cummiskey. „Dass unter diesen Inhalten auch welche sein können, die man eigentlich nicht auf der Site lesen möchte, das ist klar.“

Ein mögliches Resultat der Arbeit in der Eingreiftruppe könnten konkrete Handlungsanweisungen für die Mitarbeiter sein. Das würde den Alltag im Community-Team wohl nicht revolutionieren. Aber vielleicht erleichtern. Und effektiver machen.

Bis es soweit ist, müssen sich Facebooks Moderatoren im Silicon Dock weiterhin auf ihr gutes Gespür, ihr Verständnis von Sprache und Gesetz sowie die vom Unternehmen formulierten Gemeinschaftsstandards verlassen. In den meisten Fällen klappte das bisher auch gut, finden die Facebook-Verantwortlichen. Schließlich habe man „Fachleute aus aller Welt“ im Team, die „Backgrounds“ in geltendem Recht und Strafverfolgung hätten. Und sowohl intern als auch extern arbeite man mit weiteren Experten und Entscheidungsträgern zusammen.

Ohnehin seien Hass-Kommentare, das bekommen die Reporter mit auf den Heimweg, nicht das, womit es die Community-Mitarbeiter am häufigsten zu tun hätten. Viel öfter gehe es – global gesehen – um Belangloseres. Um Spam beispielsweise oder um Missgunst unter Sportsfreunden: Immer wieder würden Fußballfans Kommentare melden, einfach weil sich darin ein Fan des verfeindeten Klubs über den letzten Heimsieg freut. Konkrete Zahlen dazu möchte Facebook nicht veröffentlichen.

Man betont aber, das Community-Team komme beim Moderieren der Postings „gut hinterher“. „Wir haben nicht 1.000 unbearbeitete Meldungen irgendwo herumliegen“, will Julie de Bailliencourt, Safety Policy Manager bei Facebook, ein weit verbreitetes Vorurteil widerlegen.

Über dem Eingangsportal des Gebäude am Grand Canal Square soll übrigens bald ein Schild darauf hinweisen, wer sich hinter der spiegelnden Fassade immer weiter ausbreitet. Nichts Großes. Einen dezenten Gefällt-mir-Daumen wünscht sich Facebook-Chef Gareth Lamb. Schließlich sei man keine Bank, die Publikumsverkehr brauche. Nein, man ist Facebook. Und so weit geht die neue Transparenz dann wirklich nicht.

Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin
Tina Halberschmidt
Handelsblatt / Teamleiterin und Redakteurin Social Media
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