Fernsehfilm „Krupp“
Dichtung und Wahrheit in der Villa Hügel

Das ZDF polarisiert mit dem elf Millionen Euro teuren Dreiteiler „Krupp“. Doch der historische Fernsehfilm hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Warum die Geschichte über die mächtigste Familiendynastie Deutschlands im 20. Jahrhundert nur eine Annäherung an die Realität ist.

ESSEN. Bei der Premiere des ZDF-Dreiteilers „Krupp – eine deutsche Familie“ in der Essener Lichtburg strecken viele der Gäste im Parkett die Hälse. Kommt Berthold Beitz, Vorsitzender des Kuratoriums der Krupp-Stiftung, zur Erstaufführung des Films über die einst mächtigste Unternehmerfamilie Deutschlands? Nein, er kam nicht. Der 95-Jährige, der das Schlusskapitel des Mythos Krupp mitgeschrieben hat und die Hauptfiguren noch persönlich kannte, blieb der über elf Millionen Euro teuren ZDF-Inszenierung fern. Beitz, der vor 43 Jahren den letzten Erben der Ruhrgebiets-Dynastie, Arndt von Bohlen und Halbach, davon überzeugte auf sein Erbe zu verzichten und die Geschicke des Konzerns von einer Stiftung leiten zu lassen, hat mit seiner Absenz die richtige Entscheidung gefällt. Denn der historische Fernsehfilm unter der Regie von Carlo Rola hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.

Die historische Wirklichkeit kommt zu kurz. Um Quote zu machen, gingen die Macher zu viele Kompromisse ein. Nach bewährtem Muster der Fernsehunterhaltung menschelt es in dem Streifen allzu sehr. Die herrische Mutter Bertha Krupp – gespielt von Iris Berben – wird zum alleinigen Motiv für das Handeln des letzten großen Krupps, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach (Benjamin Sadler) im zweiten Teil. Für ein Drehbuch ist das sinnvoll und den Zuschauer unterhaltsam. Die Wirklichkeit im Krupp'schen Unternehmerhaushalt war hingegen weitaus komplexer. „Vieles, oft natürlich Privates, liegt im Dunkeln und muss gefolgert und weitergedacht werden“, sagt Drehbuchautor Christian Schnalke offen. Doch manchmal verfügten Autor Schnalke und Produzent Oliver Berben, Sohn von Iris Berben, doch über eine allzu große Phantasie. Beispielsweise wird die Villa Hügel in das malerische Münsterland verlegt. Das erweckt einen falschen Eindruck über das Selbstverständnis der Stahlkocher-Dynastie. Wenn Bertha Krupp zwischen barocken Putten im Garten des Wasserschlosses Nordkirchen - dem westfälischen Versailles - lustwandelt und ihre ungeliebte Schwiegertochter aus dem französisch inspirierten Garten verbannt, dann sorgt das für schöne Bilder. Mit der bedrückenden Atmosphäre im Essener Stammsitz haben solche Rosamunde-Pilcher-Szenen wenig zu tun.

Die Krupp-Stiftung, die heute 25,1 Prozent am Konzern Thyssen-Krupp hält, hat aus grundsätzlichen Erwägungen den ZDF-Machern eine Dreherlaubnis in der Villa Hügel am Südrand von Essen verweigert. Ein Gespräch von Produzent Oliver Berben und seiner Mutter Iris mit Berthold Beitz konnte daran nichts ändern. Doch bei einer so teuren Produktion hätte es möglich sein müssen, die historische Kulisse nachzubauen, um dem Film die notwendige Authentizität zu verleihen.

„Es ist eine unerzählte Geschichte, ein großes Kapitel deutscher Geschichte, ein Kapitel, in dem sich das Großartige neben dem ganz und gar Schändlichen auch findet“, doziert ZDF-Fernsehspielchef Hans Janke. Doch der Dreiteiler, dessen letzten beiden Folgen am heutigen Montag und am nächsten Mittwoch jeweils um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden, ist nur eine unterhaltsame Annäherung an dieses Kapitel deutscher Geschichte – mehr nicht. Dafür mischen sich Dichtung und Wahrheit zu sehr. Auch Krupp-Experte und Historiker Lothar Gall, der die Produzenten beraten hat, konnte das nicht verhindern. Wer die mächtigste Familiendynastie Deutschlands im 20. Jahrhundert verstehen will, der kommt weiterhin um die 400 Seiten starke, akribisch recherchierte Krupp-Biografie des Geschichtswissenschaftlers Gall nicht herum. Ein aufwändiger Kostümfilm ändert daran jedenfalls nichts.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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