Fernsehsender und Produktionsfirmen suchen fieberhaft nach neuen Formaten
Herz-Schmerz statt Superstar

Fremantle-Vorstandschef Tony Cohen strahlte auf der Party der Musiktalentshow „American Idol“ in Hollywood übers ganze Gesicht.

LOS ANGELES. In den USA laufen die Geschäfte des TV-Programmlieferanten wie geschmiert. Mit dem Finale von „American Idol“ – hierzulande auf RTL unter „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt geworden – stellte die Bertelsmann-Tochter Fremantle in den USA den Zuschauerrekord der laufenden TV-Saison auf.

Im legendären Kodak Theatre, in dem jährlich die Oscar-Verleihung zelebriert wird, wurde die blonde Farmerstochter aus Oklahoma, Carrie Underwood, unter dem Gekreische der jugendlichen Fans zum Musikidol im größten Medienmarkt der Welt gekrönt.

Für den Fernsehproduzenten Fremantle ist die mittlerweile vierte Staffel der Musiktalentshow in den USA ein wichtiger Meilenstein. Der Zuschauererfolg zeigt: Das bereits in 29 Ländern produzierte Format ist noch lange nicht tot. „American Idol“ verwies zuletzt sogar Erfolgsserien wie „Desperate Housewives“ oder die Krimiserie „CSI“ auf die hinteren Plätze.

Der Erfolg in den USA überdeckt nach Meinung von Fachleuten aber, dass es der Branche nicht gelingt, neue Formate vom Schlag der „Superstars“ zu kreieren. „Im Programmmarkt gibt es ein Defizit an Kreativität“, stellt ein deutscher TV-Manager fest. Selbst Fremantle-Chef Tony Cohen bekennt: „Ich sehe im Moment kein Format mit dem Potenzial von „Idol’“. Nur die in Deutschland sehr erfolgreichen Telenovelas könnten seiner Ansicht nach einen Ausweg bieten. Telenovelas sind billig produzierte tägliche Serien, die sich um die Liebesträume ihrer Protagonistinnen drehen. Im Unterschied zu so genannten Daily Soaps wie der Fremantle-Produktion „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ liefern Telenovelas eine abgeschlossene Geschichte über eine begrenzte Zeit. In Lateinamerika locken sie seit Jahren die Massen vor die Bildschirme. Bei Fremantle haben sich Herz-Schmerz-Geschichten wie „Bianca – Wege zum Glück“ im ZDF und „Verliebt in Berlin“ auf Sat 1 schon jetzt zu wichtigen Umsatzträgern entwickelt. Produziert werden sie von der deutschen Tochter Ufa, unter anderem im Berliner Filmstudio Babelsberg. Nun sollen die romantisch-kitschigen Serien exportiert werden. Die Bertelsmann-Tochter verhandelt derzeit mit verschiedenen Sendern in Europa, darunter Firmen aus Großbritannien und Holland. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Produktionsfirma bei einem Umsatz von 866 Mill. Euro ein Ebita von 101 Mill. Euro. Auch in diesem Jahr will der Programmlieferant zulegen. Dabei fehlt es nicht nur Fremantle an neuen Kassenschlagern. Konkurrent Endemol geht es nicht besser. Auch die in den Niederlanden ansässige TV-Tochter des spanischen Telekomriesen Telefónica ist auf der mühsamen Suche nach Programminnovationen. Aus Mangel an neuen Ideen wird der seit Jahren laufende Umsatzbringer „Big Brother“ in allen Variationen vermarktet. RTL 2 hält trotz aller Spekulationen über ein baldiges Ende dem Format die Treue. „Erst vor ein paar Tagen haben wir mit Big Brother die zehn-Prozent-Hürde in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen genommen. Es gibt keinen Grund, Big Brother abzusetzen“, sagte RTL2-Programmstratege Torsten Prenter. In den vergangenen Wochen verkaufte Endemol neue Versionen von „Big Brother“ nach Brasilien, Peru, Chile und Ecuador. Endemol braucht schnelle Erfolge. Denn Telefónica plant, den Reality-Spezialisten an die Börse zu bringen. Dabei hat die Reality-Welle nach Meinung der Branche zumindest in Deutschland ihren Höhepunkt überschritten. Immer mehr Sender, darunter Sat 1 und Pro Sieben, bevorzugen gut erzählte US-Serien oder eigenproduzierte Fernsehfilme statt Realityformate. Sowohl für Fremantle als auch für Endemol geht es um viel Geld. Nach einer Studie von Screen Digest und Goldmedia wurden im vergangenen Jahr 2,4 Mrd. Euro in den 13 wichtigsten Fernsehmärkten, darunter Deutschland, umgesetzt. Der Bedarf an TV-Programm wächst jährlich zweistellig. Die Frage ist nur, ob mit Musik- und Realityshows auch in den nächsten Jahren das große Geld verdient werden kann. Zumindest RTL wagt einen neuen Versuch. Angestachelt vom Erfolg in den USA wird der Sender wieder sein Glück mit den „Superstars“ probieren. Im Herbst startet die dritte Staffel. Allerdings haben die Werbeverkäufer bei RTL die letzte „Superstar“-Staffel 2003/2004 nicht nur in guter Erinnerung. Wegen sinkender Quoten für die Musiktalentshow mussten die Kölner damals die Werbepreise senken. „Das Format hat wegen der vielen Nachahmer auf jeden Fall eine Pause gebraucht“, sagt ein RTL-Sprecher. „Wir wollen nun mit einem neuen Konzept und neuen Gesichtern an den Start gehen“. „Eine Musiktalentshow wie die ,Idols’ hat noch eine lange Zukunft vor sich“, ist sich auch US-Fremantle-Chef Catherine Mackay sicher. Die nach dem Finale in Freudentränen aufgelöste Carrie Underwood wird daher nicht der letzte „Superstar“ bleiben. Fortsetzung folgt.

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