Gebührenzahler zahlt
ZDF plant Einstieg bei Bavaria

Das ZDF steht nach Angaben aus Verhandlungskreisen kurz vor dem Einstieg bei der ARD-Tochter Bavaria Film. Für Europas größten öffentlich-rechtlichen Sender hätte die Beteiligung fraglos Vorteile. Die unabhängigen Produktionsfirmen schäumen dagegen, fließen doch Gebührengelder.

LOS ANGELES. Die Mainzer Anstalt will über ihre Filmhandelstochter ZDF Enterprises die Hälfte an der Bavaria Filmproduktion erwerben. „Eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen“, sagte Programmchef Thomas Bellut dem Handelsblatt in Los Angeles.

Die Beteiligung an Deutschlands zweitgrößtem TV-Produzenten ist für das ZDF von großer strategischer Bedeutung. „Mit einer Beteiligung können wir uns künftig mehr Rechte für das Internet und den Mobilfunk sichern“, sagte Bellut. Die bisher wenig beachteten Nebenrechte von Film und Serien gelten angesichts von Filmabrufportalen (Video on Demand) und Handy-TV für die Sender wegen der Wachstumsperspektiven als hoch attraktiv.

Nach den bisherigen Plänen sollen die Aufsichtsgremien des ZDF am 28. Juni grünes Licht geben. Eine Zustimmung des Aufsichtsrats der Bavaria gilt bereits als sicher. Strittig ist offenbar nur noch der Preis. Bavaria setzt jährlich rund 80 Mill. Euro um, berichten Insider. Das ZDF will für die Hälfte der Anteile sechs bis acht Mill. Euro zahlen, heißt es im Umfeld des ZDF-Intendanten Markus Schächter. Die ARD-Tochter Bavaria erwartet nach Angaben aus Verhandlungskreisen aber einen zweistelligen Millionen-Betrag. Bavaria wollte auf Anfrage das Preispoker nicht kommentieren. Ein Unternehmenssprecher sagte nur: „Die Verhandlungen sind noch nicht abgeschlossen.“

Pläne sind umstritten

Unabhängige Filmunternehmen kritisieren die Beteiligungspläne. „Mit Gebührengeldern wird hier der Markt verzerrt“, warnt ein Berliner Filmproduzent. Die Marktbereinigung werde zu einem Produzentensterben führen. Hinter den Kulissen versuchen unabhängige Produzenten die Expansion des ZDF zu torpedieren und politischen Widerstand zu formieren. Kleine und mittelgroße Unternehmen befürchten, dass sie Aufträge verlieren. Das ZDF argumentiert dagegen: „Wenn wir uns beteiligen, heißt das noch lange nicht, dass wird dort auch unser Geld ausgeben“, sagt Alexander Coridaß, Geschäftsführer von ZDF Enterprises, die künftig die Beteiligung an der Bavaria halten wird.

Auch in den eigenen Reihen des Mainzer Senders sind die Pläne umstritten. ZDF-Mitarbeiter erwarten, dass der Druck zunehmen wird, die neue Tochter mit Aufträgen zu versorgen. Nach Angaben von Coridaß gibt das ZDF jährlich rund 450 Mill. Euro für Produktionen aus.

Auch die Bavaria profitiert von dem gewaltigen Auftragsvolumen des ZDF. Der Münchener Fernsehproduzent dreht beispielsweise in diesem Jahr rund 20 Folgen der Krimiserie „Rosenheim Cops“ und fünf weitere Folgen der romantischen Lindström-Filme sowie kleinere Projekte. Das Auftragsvolumen des ZDF bei der Bavaria Filmproduktion liegt nach Angaben aus Unternehmenskreisen in diesem Jahr bei rund 20 Mill. Euro. Bislang haben die Mainzer mit ZDF Network Movie bereits eine hauseigene Produktion. Sollte der Einstieg bei der Bavaria an politischem Widerstand scheitern, plant das ZDF, sich mit der Produktionstochter ZDF Network Movie auch in München, Sitz der Bavaria, niederzulassen und das Geschäft auszubauen.

Der Markt für Fernsehproduzenten ist stark in Bewegung. Erst kürzlich hatte der italienische Medienkonzern Mediaset des früheren Regierungschefs Silvio Berlusconi den zweitgrößten TV-Produzenten in Europa, Endemol („Big Brother“) übernommen. Zuvor hatte der Finanzinvestor Permira den Berliner Fernsehproduzenten MME („Richterin Barbara Salesch“, „Jörg Pilawa“) gekauft. Ein Ende der Konsolidierung ist noch nicht abzusehen. „Die Marktbereinigung wird weitergehen. In wenigen Jahren werden wir nur noch fünf Unternehmen haben, die Fernsehserien herstellen können“, ist sich ein langjähriger Filmproduzent, der ungenannt bleiben möchte, sicher.

Monopoly um die Bavaria

Schleichwerbung: Der Schleichwerbungsskandal hatte der Bavaria zuletzt wirtschaftlich geschadet. Im Geschäftsjahr 2005/2006 sank der Umsatz um neun Mill. Euro auf 310 Mill. Euro. Zu Gewinnen macht Bavaria keine Angaben. Er soll zuletzt bei sieben Mill. Euro gelegen haben.

Führungsproblem: Die Bavaria, im Besitz der ARD-Sender BR, WDR, MDR und SWR, besitzt eine Doppelspitze mit Dieter Frank und Mathias Esche. Im Juli 2008 geht Frank in den Ruhestand. Sein Nachfolger soll nach einem Aufsichtsratsbeschluss der ARD-Werbemanager Achim Rohnke werden. Doch die Entscheidung ist umstritten. Das Verhältnis zwischen Esche und Rohne gilt als schwierig.

Marktbereinigung: Bei den lukrativen Serien und teuren Fernsehfilmen machen die fünf Großen der Produktionsbranche das Geschäft weitgehend unter sich. Neben der Bertelsmann-Tochter UFA und der ARD-Tochter Bavaria sind noch Constantin, MME und Odeon gut im Geschäft.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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