Große Steuervorteile in Asien
Chiphersteller fordern Steuerhilfen

Die in Europa tätigen Halbleiterproduzenten fordern von der Europäischen Union (EU) und den nationalen Regierungen ein deutlich besseres Umfeld, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Im Vergleich zu vielen Ländern in Asien sei es heute aus steuerlichen Gründen unattraktiv, in Europa zu investieren, sagte Hans-Friedrich Bühner, Vizepräsident des Europäischen Halbleiterverbands ESIA, dem Handelsblatt.

MÜNCHEN. „Unter den gegebenen Bedingungen wird es in zehn Jahren keine Halbleiterfabrik der neuesten Generation in Europa mehr geben.“

Nach Ansicht von Bühner müssten vor allem die Steuern in Europa denen in den aufstrebenden Ländern Asiens angepasst werden. Dort würden Fabriken oft für mehrere Jahre keine Abgaben auf ihre Gewinne zahlen. Deshalb werde es immer attraktiver, in Staaten wie Malaysia oder Singapur zu investieren. Gleichzeitig werden in Europa weniger Werke gebaut. Bühner: „Es ist zweifelhaft, ob eine Chipfirma in Europa heute noch eine Investition wie die von AMD in Dresden in Angriff nehmen würde.“ Der US-Konzern hat jüngst seine zweite Fertigung an der Elbe eröffnet. Der Standort profitierte von Investitionshilfen, die jetzt nicht mehr möglich wären, sagt Bühner. Der Manager arbeitet für den Münchener Halbleiteranbieter Infineon.

ESIA hat in einer neuen Studie ausgerechnet, dass eine heute gebaute Chipfabrik in China, Korea oder Malaysia in den kommenden fünf Jahren mehr als doppelt so viel Gewinn abwerfen würde wie in Deutschland (siehe Grafik). Ausschlaggebend dafür seien vor allem steuerliche Anreize. In Ländern wie Singapur müssen Firmen bis zu 15 Jahre keine Steuern zahlen. „Wir – die in Europa vertretenen Halbleiterfirmen – wollen keine Subventionen, sondern lediglich international vergleichbare Wettbewerbsbedingungen“, sagte Bühner.

Die Chipindustrie in Europa steht mit dem Rücken zur Wand. Gegen die aufstrebende Konkurrenz aus Asien fällt es den drei großen europäischen Herstellern immer schwerer, ihre Produktion in Europa aufrecht zu erhalten. So hat Infineon in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Werken in Asien aufgebaut. Auch die italienisch-französische ST Microelectronics (ST) verlagert in großem Stil Produktion nach Asien. Beide Firmen kämpfen mit wirtschaftlichen Problemen. Philips als Nummer drei in Europa ist derzeit dabei, seine Halbleitersparte auszugliedern. Der holländische Elektronik-Konzern ist nicht mehr zufrieden mit der mageren Rendite seines Chipgeschäfts.

Demgegenüber bauen Wettbewerber wie Samsung aus Korea ihr Geschäft rasant aus. Der Elektronik-Anbieter investiert derzeit mehrere Milliarden Dollar, um in seiner Heimat den größten Chipstandort der Welt zu errichten. Dabei profitiert der zweitgrößte Chipkonzern der Welt von einer ganzen Reihe von Steuererleichterungen. Diese betreffen nicht nur Werke, sondern auch die Forschung.

Grundsätzlich wäre Europa für die Chipbranche ein guter Produktionsstandort – darin ist sich die Industrie einig. Denn hier erwirtschaften die Chipfirmen ein Fünftel ihrer weltweiten Umsätze. Allerdings fließen nach Angaben der ESIA derzeit nur zehn Prozent aller Investitionen in Werke in Europa. Vor allem mit Autobauern machen die Halbleiterhersteller in Europa gute Geschäfte.

Ob die EU Steuererleichterungen für die Halbleiterindustrie ermöglicht, ist momentan offen. EU-Industriekommissar Günter Verheugen wollte sich jüngst bei einem Treffen mit ESIA-Vertretern nicht festlegen. Er will zunächst eine Arbeitsgruppe einberufen, die das Thema für verschiedene Industrien behandelt.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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