Inside Axel Springer
Achtung: fallende Messer!

Axel Springer übernimmt für 1,5 Milliarden Dollar das weltweit begehrteste Internet-Start-up Twitter. Das verkündete Medienblogger Peter Turi pünktlich zum 1. April. "Was wollen wir mit Pro Sieben Sat 1? Wir investieren lieber in die Zukunft - und die liegt im mobilen Internet", soll Vorstandschef Mathias Döpfner zur Begründung gesagt haben. Peter Turis charmanter Aprilscherz rührt an einer Kernfrage: Wie kann der ,Bild?-Konzern in Zukunft wachsen?
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DÜSSELDORF. Döpfner ist nie um eine Antwort verlegen. Er will von der Konsolidierung im Kommunikationsmarkt profitieren und in den nächsten eineinhalb Jahren antizyklisch investieren. Laut Döpfner sind für Springer aber nur Medienmarken interessant, die auch multimedial ausgebaut werden können.

Das hört sich gut an. Aber in der Praxis wird es schwierig, lukrative Übernahmeobjekte zu finden. Das gilt für Springer, das gilt für einen Giganten wie Google. Die Suchmaschine soll sich - kein Aprilscherz - für Twitter interessiert haben. Der Online-Dienst ist zwar eine starke Medienmarke, doch seit seiner Gründung im März 2006 schreibt er nur Verluste. Noch immer fehlt dem Kurznachrichtendienst ein tragfähiges Geschäftsmodell.

Döpfner fischt im Gegensatz zu Google im Teich der kleinen und mittelgroßen Internetunternehmen. Doch auch er muss aufpassen, dass sich nicht mancher Zukauf als Griff in das fallende Messer entpuppt. Denn noch immer sind viele Web-2.0-Unternehmen überbewertet.

In der Vergangenheit hat der Vertraute der Mehrheitsgesellschafterin Friede Springer mehrmals danebengegriffen. 2007 etwa wies der Konzern wegen einer Abschreibung von über einer halben Milliarde Euro auf den privaten Briefzustelldienst PIN einen Fehlbetrag von 288 Mio. Euro aus. Auch der Einstieg ins türkische Fernsehgeschäft mit dem Partner Dogan entpuppt sich als politisch delikater Zukauf. Der groß angepriesene Einstieg ins polnische Fernsehgeschäft über den wenig zuverlässigen Medienmogul Zygmunt Solorz-Zak misslang vollends.

Springer hat aber in der Rezession einen gewaltigen Vorteil. Der Printriese stöhnt nicht wie Konkurrent Bertelsmann über einen Schuldenberg. Die Nettoverschuldung sank 2008 auf knapp 370 Mio. Euro. Hinzu kommt, dass sich der Konzern eine Kreditlinie von 1,5 Mrd. Euro für die nächsten vier Jahre gesichert hat. Außerdem nahm Springer im Februar durch den Verkauf von Minderheitsbeteiligungen an einer Reihe von Regionalblättern 315 Mio. Euro ein. Zukäufe in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro kann der Konzern also mühelos stemmen.

Geduld ist aber nicht die Sache Döpfners. Das rächt sich. Noch zu Hochzeiten des Web 2.0 ging er groß auf Einkaufstour im Internet. In den vergangenen fünf Jahren gab der Konzernlenker rund eine Milliarde Euro für Zukäufe im Onlinebereich aus. Schade, dass er sein Pulver nicht trocken gehalten hat. Denn mit einer solchen Investitionssumme könnte er heute die Kronjuwelen im Internet kaufen.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa

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